Ganz nach oben – mit 33 auf den Pirchkogel (2828 m)

Die Fülle der Literatur, die sich mit den tragischen Geschehnissen im Mai 1996 am Mount Everest befasst, hat auch mich inspiriert, einige meiner einprägsamen Erlebnisse schriftlich festzuhalten. In einem Alter, wo man nicht mehr zu den frischesten gerechnet wird, gelingt es dennoch, schwierigere Routen zu meistern und in der Auseinandersetzung mit dem rauhen Schiefergneis, dem kalten Eis, der Steilheit und Ausgesetztheit im hochalpinen Gelände, die Antwort auf so manche Frage zu finden.

Einmal ist mir ein liebes Zitat begegnet: „Wieso hinauf auf die Gipfel? Von unten seh ich ja besser die Berge!“ Das ist sicherlich richtig – aber vom Gipfel aus – so möchte ich entgegen halten – seh ich die Welt doch besser, wie sie mir ganz und gar ausgebreitet da liegt.

Ein Gefühl der Dankbarkeit, diesen schweren Weg geschafft zu haben, bemächtigt sich da meiner – Dankbarkeit gegenüber meinem langjährigen Bergpartner Ingo, ohne dessen genetische Vorbelastung als geborener Österreicher (der sich in einem steten Triebe zum Bergsteigen äußert) ich sicherlich nicht die entscheidenden Impulse erhalten hätte. Mein Dank gilt auch und vor allem jenen tapferen Hüttenwirten, die eine Oase der Stärkung und Tröstung für alle erschöpften und bergtraumatisierten Höhengänger unterhalten.

Vorbereitungen

Aus den vergangenen Erfahrungen ist uns die Bedeutung guter Vorbereitung insbesondere in logistischer Hinsicht deutlich geworden. Da wir aus Berichten anderer Expeditionen erkannt hatten, dass viele Fehler, die später zu kritischen Situationen führten, bereits durch falsche oder fehlende Logistik entstanden, begannen wir mit den Planungen für unser Unternehmen bereits drei Monate zuvor und sammelten Informationen aus allen zugänglichen Quellen. Besonders die internationale Bergsteigerszene, durch das Internet greifbar geworden, lieferte viele wichtige Informationen. Ingos Bibliothek umfaßt nahezu jeden AV-Bergführer und reichhaltigstes Kartenmaterial zumindest zu österreichischen Gipfeln, so dass unvermutet an beinahe jedem Ort die kleinen grünen Büchlein sprossen. Bald wurde jenes Gebiet, bald diese Region ins Auge gefaßt, da Ingos Präferenz für Gletschergebiete nicht so ganz meiner mehr auf Fels gerichtete Vorliebe entspricht.

Nicht nur die Fülle an lohnenden Zielen in den hohen und höchsten Alpenregionen macht uns die Entscheidung für ein bestimmtes Zielgebiet schwer. Wir wollen ja ganz neue Wege gehen – nicht so sehr in bergsteigerischer Hinsicht (natürlich neue Techniken erproben, ganz klar), wir wollen auch die aktuellsten medizinischen Erkenntnisse verschiedener Gebiete (Psychologie, Wellness) umsetzen.

 

Die Logistik ist also dementsprechend aufwendiger, z. B. die Diskussion über die Erfordernis von Badekleidung zieht sich stundenlang hin. Letzten Endes verzichte ich auf Anraten Ingos auf diese sonst als notwendig erachteten Kleidungsstücke – eine richtige Entscheidung wie sich zeigen soll. Unsere Wahl fällt zuletzt auf das sogenannte Kühtai, ein fast 2000m hochgelegener Wintersportort in den Tiroler Westalpen.

Kühtai Blick von der Mittergrathütte auf den Vorderen und Hinteren Grieskogel, Kühtai-Ort und den Speichersee Längental.

Unweit des Ortes, idyllisch auf 1950 m befindlich, haben wir das ideale Quartier ausgemacht – die kleine Mittergrathütte.

Kleine Mittergrathütte Die kleine Mittergrathütte von der Materiallift-Station aus gesehen. Die kleine Mittergrathütte von Westen Und ein Blick von Westen.

Unhygienische Verhältnisse wie beim Trekking zum Basislager des Mount Everest hatten ja 1996 zu einer wesentlichen Schwächung einiger Mitglieder des Teams geführt, was wir unbedingt vermeiden wollen. Daher verfügt die kleine Mittergrathütte über eine Solarheizung (alternativ für bedeckte Tage über Gastanks) die genügend Warmwasser für eine richtige Dusche produziert, ein WC mit Fließendwasser (Plumpsklos oder sogenannte „freie Waldaborte“ stellen eine gefährliche Quelle für Magen-Darm-Infekte dar, siehe Lobuche in der Mount Everest-Literatur), Kühlschrank, Gasherd, und ein gemütlicher Kachelofen. Dieser letztere wird hochmodern durch ein Computerprogramm gesteuert und ziert sich zunächst kräftig, als er beheizt werden soll – doch nach einigen Versuchen stellt er seinen Widerstand ein.

Ein weiterer Gesichtspunkt ist die Nachbarschaft zur großen Mittergrathütte und der Hemerwaldalm, ebenfalls eine Almhütte, allerdings im nicht empfehlenswerten unsanierten Zustand.

Wassermangel ist ebenfalls nicht zu befürchten, da das Kühtai keine Kalk-Gegend ist, vor unserer hölzernen Terrasse plätschert ein Brünnlein in den hölzernen Trog und nur wenige Schritte weiter fliesst munter ein Bächlein – eine echte Herausforderung für Damm-Architekten.

Nicht zu vergessen der Materiallift, der es erlaubt, unsere technische Ausrüstung ohne Sherpa-Unterstützung vom Parkplatz an der Straße auf Hüttenhöhe zu bringen. Wir hingegen können das Bergschuhfeeling auf dem kurzen, aber sehr steilen Anstieg genießen, das einem einfach befallen muss, wenn man diese klobigen, aber steigeisenfesten Treter länger als 1 Woche nicht mehr getragen hat. Nach 20 Minuten erreichen wir nicht einmal sehr angestrengt unsere Bleibe für die nächsten Tage – ein typisches Phänomen nach längerer Berg(Sport-)abstinenz. Die erste steile Passage geht sich noch sehr gut ..

Tag 1: Ein schwerer Gang durchs Mittertal

Der erste Tag soll für uns ein lockeres Eingehen und lässiges Testen unserer Kondition sein. Ingo hat sich ja noch wenigstens neben guter badischer Kost mit ein wenig Radfahren fit gehalten. Mir hingegen fehlt aufgrund starker Arbeitsbelastung der letztere Teil. Unsere Hütte liegt am Fuße des Schafkogel-Höhenzuges. Dieser geht im Norden nach dem Abschwung zur Mittertal-Scharte in den Acherkogel über, wird also nach Osten und Westen von zwei Tälern begrenzt. Zum einen vom Mittertal, zum anderen vom Wörgetal.

Unser Ziel ist mit dem Erreichen und eventuellem Überwinden der Mittertal-Scharte nicht allzu hoch gesteckt. Nach der Traversierung zahlreicher Bacharme, der Überwindung auf wackliger Holzbrücke eines tief ausgeschnittenen, gut wasserführenden Baches verfolgen wir nicht den Weg an der Bergflanke entlang nach Kühtai-Ort, sondern biegen nach rechts ins Mittertal ab. Nachdem es am Ankunftstag noch regnerisch war, präsentiert sich nun das Wetter von seiner besten Seite, sonnig und mit angenehmer Temperatur. Leicht ansteigend zieht sich der Pfad ins Tal, bald wird aus dem lehmigen Almweg ein steiniger Höhensteig. Überall blinken und glitzern noch Altschneefelder, und die im Spätsommer sicher trägen Rinnsale sind jetzt tief und breit, zu reißend, um sie ohne Probleme überqueren zu können. Das ist ein Fakt, der mir sehr zu denken giebt, allerdings macht dies auf Ingo gar keinen Eindruck. Sein Blick ist ganz in die Höhe gerichtet, die ernst und dunkel schimmernden Gneistürme nehmen ihn sichtlich gefangen. Weiter hinten im Tale, als wir uns wieder einer Steilstufe näheren, ist der Weg ganz überspült – es kostet uns einige Mühe und so manchen Balanceakt, ein Weiterkommen in Richtung Mitterscharte zu erreichen.

Endlich erreichen wir den Mittersee, einsam und kalt unter dem steilen Aufschwung zur Mitterscharte gelegen. Meine mangelnde Kondition und auch die ungewohnte Höhe – eine mir nicht unbekannte Erscheinung (siehe Bericht: Piz Buin – Aufstieg zur Wiesbadener Hütte) beschert mir hier in vertrauter Weise bleischwere Beine. Ich muss ein Einsehen haben, es geht so nicht fort –schweren Herzens und recht neidisch lasse ich also Ingo alleine weiterziehen, der noch frisch und guten Mutes ist. Tatsächlich ist es weniger seine Absicht, die Mitterscharte alleine zu erobern, als vielmehr einen Zugang vom Schartenanstieg aus zur Vorderen Karlesspitze zu finden. Zwar nimmt er den Aufstieg zu früh in Angriff, als er noch nicht weit genug auf dem Schartenanstieg vorangedrungen ist, aber er gewinnt dadurch doch wichtige Erkenntnisse, die ihm schließlich am vierten Tag zum Triumph an der Karlesspitze verhelfen.

Tag 2: Der Schafzoll – trutzige Nase über Kühtai

Auch der nachfolgende Morgen erfreut uns mit strahlendem Sonnenschein. Ideal um einige neue Methoden bei der Orientierung im weglosen Gelände zu erproben. Bei der Rückkehr aus dem Mittertal ist uns zum einen die knollige Nase der letzten Erhebung direkt vor dem Abschwung zur Hütte aufgefallen, der 2394 m hohe „Schafzoll“. Vermutlich rührt sein prägnanter Name von den Schafherden her, die bis in diese luftigen Höhen problemlos vordringen und sich dort auch in ausgesetztem Gelände mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen. Von der Seite her zieht sich eine breite Lücke im Zirbenwald bis zum Hüttenbach herunter, diese soll uns die Möglichkeit bieten, direttissima zum Gipfel aufzusteigen.

Schafzoll Unser Aufstieg im Überblick vom Pirchkogel aus: orange Linie. (Der Gipfel in der Mitte ist die vordere Karlesspitze, Aufstieg in violett.)

So ganz allerdings haben wir den Almrausch nicht mit einkalkuliert. Was von ferne wie eine griffige Almgrasfläche gewirkt hat, zeigt sich beim Erreichen als dicht mit Almrausch bedeckt. Nun ist Almrausch nicht so hoch wie Lärchen noch so hartzweigig, aber von knöchelhoch bis stellenweise knietief kann er doch so manchen größeren wie kleineren Block verdecken. Daher ist man gut beraten, große Vorsicht walten zu lassen. Einige noch nasse Rinnen, durch die das Wasser von oben abfloss bieten uns aber hin und wieder einen guten Steig.

Eine Erleichterung ist die zunehmende Grasigkeit des Bodens, dieser Vorteil wird allerdings durch die zunehmende Sonnenglut und Steilheit unserer Direktroute mehr als kompensiert. Die Schafe, teils weidend teils aber auch gemütlich im großen Gratschneefeld wenige Meter unterhalb des kuppenförmigen Gipfels ruhend, beobachten uns gleichmütig. Unsere unbeholfen wirkende Stemm- und Stapftechnik wirkt wohl gar zu seltsam auf sie. Einige Male muss ich meine Ermüdung durch die Grasballen-Greif-Methode kompensieren.

Oben angekommen, bietet sich uns ein herrlich freies Panorama, da ja nur an der Nordseite die Karlesspitze einigermaßen nahgerückt ist.

Panorama Blick vom Gipfel des Schafzoll auf die vordere Karlesspitze. Mein Aufstiegsweg ist durch die linke Bergflanke vollständig verdeckt.

Rechts im Hintergrund der Acherkogel. Rechts Wörgetal, links Mittertal.

Beeindruckend die Gelassenheit einiger Bergsteiger-Schafe, die im Nordabsturz saftige Halme erhaschen. Nach einigen Minuten legt sich die Erschöpfung, aber wir beschliessen doch, den Abstieg über die Normalroute zu wählen, die sich nun, von oben gut sichtbar am Grat vom Gipfel bis zur Hütte schlängelt, unterbrochen durch ein kleines Plateau mit auffallend grossem Steinmandel.

Tag 3: Wie aus dem Pockkogel der „Plagkogel“ wurde

Für diesen Tag haben wir uns den Sulzkogel mit stolzen 3016 m zum Ziel gesteckt. Früh um 4 Uhr klingelt der Wecker und mit dem ersten Licht ziehen wir los, um zunächst nach Kühtai zu gelangen. Von dort führt ein zunächst mäßiger, dann aber doch steilerer Steig zum Finstertaler Stausee. Das goldene Licht der aufsteigenden Sonne beleuchtet ausgedehnte Schneefelder, die sich zu unserem Wunschberg hochziehen! Davon lassen wir uns aber nicht beirren. Unbeeindruckt folgen wir dem schmaler werdenden Weg 20 m über dem Ufer des Stausees, dieser umrundet den See halb, bevor er sich den Berg hinauf zieht.

Finstertaler Stausee Blick auf die Umgebung des Finstertaler Stausees. Rechts sieht man, wie der Gipfel des Sulzkogels über die Vorberge lugt.

Der Gipfel links ist der Finstertaler Schartenkopf. Der Aufstieg zum Sulzkogel verläuft durchwegs durch die Schneerinnen in der Bildmitte.

Die letzten 100 m jedoch zeigen sich verschneit, harschig-hart. Ohne Pickel zumindest kein Weiterkommen. Ein ratloser Blickwechsel mit meinem Bergpartner. Auch ein Abstieg zum Seeufer ist weit und breit nicht möglich, direkt an der Wasserlinie eine Querung auch nicht möglich.

Wir ziehen die Karte zu Rate. Mehrere andere stolze Spitzen ragen über der schneefreien Seite des Sees auf. Wir entscheiden uns für den immerhin 2807 m hohen Pockkogel.

Pockkogel Blick von der Mittertalhütte auf die Pockkogelgruppe. Der Pockkogel ist der rechte, spitze der höchsten Gipfel.

So beginnt ein mühsamer Aufstieg über die schuttbedeckten Flanken, immer in fordernden Steilstufen mit nur  kurzen ebenen Passagen – von erfahrenen Bergsteigern „Knochenmühlen“ genannt. Genauer mahlen die Steine eigentlich die Knie des rucksackbeladenen Herausforderers. Mal hoch, mal tief, mal zuverlässig und mal schwankend, mal spitz mal breit sind die Blöcke über die es zu balancieren gilt und höchste Konzentration erfordern. Dann wieder beinahe abgetaute, doch effizient die darrunterliegenden Steine verdeckenden Altschneefelder, die einem eine so herrlich ebene Fläche – scheinbar – bieten.

Knochenmühle Die Knochenmühle.

Der Schritt wird hier begeistert länger, doch jäh bricht man einen, mal bis ans Knie, oft auch noch tiefer. Herausstemmen, Schnee aus dem locker geschnürten Stiefel herausholen, weiterplagen, weiterplagen ..

So wird der Pockkogel für uns zum "Plagkogel".

Steile Flanke Steil, steil ..

Unter den steilen Erhebungen des Kühtaier Raumes gehört er mit Sicherheit zu den steilsten.

„Steepness tackling“ gehört nun wirklich nicht zu meinen Stärken, wozu sicher alte Knieverletzungen das ihrige beitragen. Kurz, ich sinke angesichts einer steilen, schneebedeckten, etwa. 30 m hohen Stufe auf einen größeren Block und gebe auf. Mein Bergpartner ist nicht gewillt, sich den Strapazen zu beugen. Als echter Blockw(o)erker mit einem fantastischen tackling-Gefühl ist er auch dazu in der Lage, den Aufstieg fortzusetzen.

Noch steilere Flanke Die Gipfelflanke, rechts geht es steil in das Kraspestal hinunter.

Claudia Claudia erschöpft.

 

Nach 1,5 Stunden ist er zurück, strahlend vor Freude. Der Weg und all die Plage hat sich gelohnt.

Ingo Ingo beim Wasservorrat ergänzen.

Tag 4: Von wegen ausruhen – die Vordere Karlesspitze (2569 m)

Ruhetage sind im Gebirge sehr wichtig. Für uns bietet dies eine wichtige Gelegenheit, die neuesten Erkenntnisse über Wellness nach extremen Anstrengungen eingehend zu untersuchen. Für diesen Zweck begeben wir uns in die bereitgestellten Wellness-Stühle, die über zwei verschiedene Liegepositionen verfügen. Ein Sonnenschirm soll dabei Sonnenbrand verhindern. Ausreichende Lektüre sowie Getränke und Snacks tragen dazu bei, die Verweildauer in unseren Liegen angenehm zu gestalten. Eine weitverbreitete These können wir bestätigen: In höheren Regionen brennt die Sonne fühlbar heißer nieder als in Tallagen – im Schatten allerdings kann auch bei leichtestem Wind sehr schnell ein Frostgefühl entstehen. Dadurch kommt es oft zum gefürchteten Wechseleffekt. In einem Moment der Bikini bzw. der Badeanzug, im nächsten die Wolldecke.

An diesem Testtag beobachten wir nicht weniger als ungefähr 20 Wechsel, also 10 Wechsel pro Person. Ganz klar, dass sich diese häufigen Änderungen der Bekleidungsschicht störend auf die Entspannungsphase und anregend auf die Beugemuskel im Gliedmaßenbereich auswirken müssen. Ingo ist selbst überrascht, als sich gegen 17 Uhr eine schubartig einsetzende Erregung zeigt, ein überaus verbreitetes Phänomen: Gipfelspannung. Dieser heftige innere Gemütszustand wird am besten durch eifriges Herumgehen wieder auf ein normales Spannungsniveau zurückgeführt, allerdings ist die vertikale Ausrichtung der Gehbewegung entscheidend. Der Winkel muss unbedingt ansteigend sein, da sonst die Gipfelspannung in depressive Verstimmungen umschlägt.

Da sich bei mir nicht die geringste Gipfelspannung zeigt, wäre es schädlich gewesen, Ingo zu begleiten. Wir vereinbaren daher einen angemessenen Zeitplan. Es ist bei gemeinsamen Unternehmungen das wichtigste, sich genau im Klaren zu sein über die Stärken und Schwächen des anderen, mit dem man steigt. So wie es auch unerlässlich ist, sich selbst einschätzen zu können. Es ist nicht so sehr wichtig (aber von großem Vorteil) zu wissen, wie weit man steigen kann. Aber man muss wissen, welche Strecken, welche Strapazen man zusätzlich noch unter Aufbietung des eigenen Willens aushalten kann. Mit dem Willen kann man wertvolle Reserven mobilisieren, wenn die nicht voll kontrollierbaren Faktoren, wie sie in jedem extremeren Gebiet auftreten können, in Erscheinung treten. Gerne wird hier an erster Stelle das Wetter genannt. Mehr aber, so unsere Beobachtung, spielt die tatsächliche geologische Wegbeschaffenheit eine Rolle. Blockwerk ist nicht gleich Blockwerk, grasige Flächen sind nicht gleich grasige Flächen, gut gangbare Wege verwandeln sich während oder nach schon sanfter Regengüsse in schmierige Seifenbahnen – das bedeutet oft den doppelten Kraftaufwand beim Bergansteigen.

Nicht unterschätzt werden darf hierbei allerdings ein Faktor, der oft übersehen wird, die Bekanntheit des Weges. Ingo sagt dazu: "Mit dem Gang zur Karlesspitze ließ ich mich auf ein gewisses Abenteuer ein, da der Anstieg abseits der von Expeditionen begangenen Pfaden verläuft. Zwar hatte ich einige Informationen früherer Begeher vorliegen, die jedoch nur in wenigen Worten den allgemeinen Gang des Anstiegs beschrieben. Meine erste Aufgabe war daher, die möglichen Aufstiegswege zu erkunden und den besten auszuwählen. Insgeheim trug ich mich schon seit längerem mit diesem Plan, so hatte ich das Gelände bereits an den vergangenen Tagen beobachtet und gleich am ersten Tag vom Mittertal aus einen gangbaren Korridor ausfindig gemacht. Es ist dabei wichtig, den Berg von allen Seiten kennenzulernen und seinen Charakter zu studieren. Schnell kann man durch Unwetter gezwungen sein, vom geplanten Weg abzuweichen, und dann ist man gezwungen, sich auf sein Gespür zu verlassen, dass man im rechten Gelände weitersteigt. Die Karlesspitze schien mir nun ein eher freundlich-gelassener Berg zu sein, ganz im Gegensatz zum Beispiel zu den Riesen von Chamonix. Gemäß meinem ersten Eindruck ging ich eine Zeitlang ins Mittertal hinein und wanderte an der Ostflanke bis zu deren Mitte. Von dieser Seite aus geht es nur mäßig steil in die Höhe, während die Westflanke steil ist und schwierige Kletterei aufweist.

Mein Plan war, in den mittelsteilen Blockhalden über mehrere Rampen zu einem versteckten Kar aufzusteigen, von dem aus man den Gipfelhang direkt erreicht. Schwer zu kalkulieren bei solchen Besteigungen sind die Umstände, die gerade herrschen. Jetzt zum Beispiel stellte ich fest, dass der Mitterbach durch die vergangenen Regenperioden sehr hoch Wasser führte und seine Durchquerung bereits minder einfach war als gedacht. Im nachfolgenden Blockwerk, das sich die ganze Flanke hinaufzog, bestätigt sich, dass die Beschaffenheit von Blockwerk sehr unterschiedlich ist. Hier zum Beispiel traten sehr große Blöcke mit zahlreichen Klüften und Spalten auf, die mit Krummholz und Strauchwerk teilweise verdeckt waren und einen scheinbaren Boden bildeten. In solchem Gelände ist ein Zeitplan nur schwer einzuhalten, da man nicht rasch vorankommt. Außerdem ist es wichtig, sich schon bei der Beobachtung Orientierungspunkte zu suchen, da man in der Flanke selber kaum noch Überblick hat. Der Gipfel selber war schon seit dem Talgrund meinem Blick entschwunden. Dennoch gelang es mir, mich von Punkt zu Punkt fortzubewegen und dabei immer höher zu steigen.

Schließlich kam ich 100 Meter unter dem Karplateau in ein bislang uneinsichtiges Gelände. Jetzt war ein wenig Spürsinn gefragt, doch mit dem Zwischenziel vor Augen ließ sich ein guter Weg finden in einem wenig eindeutigen Gelände ohne markante Punkte, über den Abstürzen zum Talgrund. Das Krummholz war nun zurückgetreten und machte kurzem struppigem Höhengras Platz, und schon bald befand ich mich in urweltlicher Abgeschiedenheit in einem blockübersäten Kar. Nicht der Anblick vieler bunter Zelte und Bergsteiger in freudiger Erwartung eines baldigen Sieges über einen Achttausender, wie man sie in den Basislagern anderer Weltberge findet, erwartete mich hier, sondern die Berge in ihrer ganzen stillen Größe, die besonders durch Ruhe zum Ausdruck kommt. Das Pfeifen des Windes, rauher Fels, der Schnee des vergangenen Winters, den die Sonne hier nicht vertreiben konnte, erwecken in dem einsamen Bergsteiger besondere Gefühle, eine Verbundenheit mit der Schöpfung, wie man sie im Getriebe der Städte nicht findet. Es ist nicht verwunderlich, dass zum Beispiel die Sherpas ihren Glauben an die Geister der Berge sich noch bewahren konnten und sie und ihre Wohnstatt mit Ehrfurcht begegnen. Ebenso ging es mir, als ich nun das stille Kar betrat und - nun einfacher - über Blockwerk an der Karflanke entlang seinem Ende zustrebte. Vor mir nun erstmals seit langem zeigte sich der Gipfel in seiner ganzen Größe, nun schon greifbar nahe. Nur noch eine grasige Steilflanke und eine anschließende Schutt- und Blockpyramide stand zwischen uns ... Nach dem Anstieg ist dies ein ganz besonderer Moment. Stunden sieht man sein Ziel gar nicht, bewegt sich nur vorwärts, und wenn dann noch besondere körperliche Anstrengung erforderlich wird, geht man wie in einem Traum einfach weiter, fast ohne ein Ziel zu fassen. Man gerät fast in einen tranceartigen Zustand, der erst am Fuß der Gipfelpyramide endet und wieder einem Zustand Platz macht, in dem man sein Vorhaben realisiert."

Es gelingt Ingo tatsächlich, mit Hilfe der Vierer-Technik (auf allen vieren) den Gipfel der ungemein steilen Vorderen Karlesspitze zu erreichen. Das raue, griffige Gras mit dem die südliche Wand bedeckt ist, bietet optimale Unterstützung bei dieser Art des Graskletterns. Ingo selbst sagte darüber: „Mit der herkömmlichen Steigmethode schien mir die Steilheit dieses Riesen nicht mehr machbar zu sein. Ich beschloss mich an den wahren Königen dieser ausgesetzten Wildheit zu orientieren, den Schafen. Ich denke, ich werde diese Technik „sheep-climbing“ nennen .. Nachdem ich also erkannt hatte, dass der Boden mir ja schon die besten Tritte und Griffe mit seinem Gras anbot, war es alles in allem eine lässige Tour ..“ Wer sich allerdings mit der sheep-climbing-Technik anfreunden möchte, sollte über die Anschaffung von Knieschützern nachdenken!

Tag 5: Ganz nach oben

4 Uhr früh. Aufdringliches Piepsen unseres Weckers. Nur der Bergbach rauscht draußen in der noch dunklen Welt. Kaffeemachen. Bei einem Kaffee kann man sich wieder die Frage stellen, warum man sich eigentlich wieder plagen will. Mindestens 800 m hinauf. Aber der Tag wird herrlich! Und dann vor der Hütte, den schweren Rucksack auf den Schultern, die frische noch kühle Luft, geht alles plötzlich etwas lässiger, die Beine schwingen im Bergtakt vorwärts. Den steilen Pfad hinunter zum Auto, mit dem Auto nach Kühtai – Mist, diese großen Skiburgen bauen alle den empfindlichen Karossen Tiefgaragen, damit sie von ihren Besitzern im Winter nicht freigeschaufelt werden müssen. Wo ist nun unser Einstieg in den markierten Wanderweg?

Pirchkogel1 Aufstieg vom Pockkogel aus gesehen (im grossen Bild mit grüner Linie gekennzeichnet).

Wir überwinden den Zaun und die große Weide, und finden ihn dann nach dem ersten Steilhang auch wieder. Für heute haben wir uns den Pirchkogel (2828 m)vorgenommen, den wir von Osten ersteigen und nach Westen überqueren wollen. Dann auf der flacheren Westschulter ins Tal, wo wir uns entweder für dem Folgen des Straßenverlaufs bis zu unserem Mittergrathüttenanstieg oder (wir müssen ja sowieso auf Hüttenhöhe wieder kommen) für den direkten Anstieg zur verfallenen Iss-Alm entscheiden können. Von der Iss-Alm führt 150 m über dem Tal ein markierter Weg an den Flanken des Schafzoll entlang direkt zu unserer kleinen Hütte.

Auf den Almen lässt es sich bequem gehen. Als wir den ersten der Seen erreichen, hat uns auch die Sonne eingeholt – ihre Steigleistung pro Stunde ist eindeutig höher als die unsere.

Die Seen Beim Aufstieg nach Überwindung der ersten Höhenstufe auf circa 2300 m. Der Pirchkogel ist neben dem dominanten Vorgipfel kaum zu sehen (Mitte).

Der Pirchkogel sieht beim näher kommen immer noch (oder immer mehr) schneebekrustet aus – Ingo jedoch sieht darin kein Problem. Erst am Ende dieses Tages wird mir klar, dass es das „white-out“ Phänomen auch in den niedrigeren Lagen der Alpen geben kann. In der klassischen Literatur versteht man darunter den Verlust der Orientierung durch dichten Nebel oder Schneesturm – die Welt um einen herum wird weiß. Nun lässt sich eine neue Variante klassifizieren: die reduzierte Wahrnehmung ausgedehnter Schneefelder: im konzentrierten, unter extremer Anspannung oder Vorfreude Bewusstsein des Bergsteigers wird die objektiv wahrnehmbare weiße Ausdehnung schlichtweg ins „Out“ geschickt, ins Aus also.

Eissee Von 2500 m aus hat man einen herrlichen Blick auf den hintersten, noch gefrorenen See.

Kurz oberhalb des Eissees verschwinden die Markierungen unter Altschneefeldern. Zu dieser frühen Tageszeit sind diese noch recht hart, und auch die Steigung läßt es wenig ratsam erscheinen, ohne Eispickel das Wagnis zu unternehmen.

Gipfelaufstieg Nun ist der Gipfel (der Schneegupf rechts hinten) schon greifbar nahe, hier aus der Schneerinne auf 2600 m.

Der weitere Anstieg (grün) führt uns durch die Rinnen, normalerweise (ohne Schnee) steigt man an der linken Seite direkt am Grat auf.

Wir entscheiden uns nach kurzer Diskussion für die Blockfelder, die es uns ermöglichen, mit nur wenigen Querungen der Schneefelder den Grat zu erreichen. Das Blockwerk fordert unsere ganze Geschicklichkeit und Kondition heraus, bleibt allerdings fest und griffig bis auf die letzten 10 Höhenmeter, wo wir es mit bröseligstem Schiefer zu tun haben. Jeder Griff wackelt bedenklich, so dass äußerste Vorsicht geboten ist. Nach dieser Schinderei sind wir froh, auf dem abgeblasenen Grat die vertraut rot-weiß leuchtenden Markierungen wieder zu sehen. Um 9 Uhr stehen wir ganz oben – mit 33 auf dem Pirchkogel.

Ingo am Gipfel Kein pakistanischer Freischärler, sondern Ingo am Gipfel.

Ich muss gestehen, dass mich dabei kein besonderes Triumph- oder Glücksgefühl erfüllt, sondern eher das Bild meiner Wasserflasche Beginn und Ende meines geistigen Horizonts markiert. Es dauert doch einige Minuten bis ich meine Augen wieder auf die fernen und fernsten Berge richte, die durch das beste Sonnenwetter so traulich näher rücken. Dort zwinkert ganz blau das Auge des Finstertaler Speichersees uns zu, dunkel und urweltlich von den Stubaier Riesen überragt – auf der anderen Seite die kühlen hellgrauen Kalkwände der Mieminger, so nah, als wollen sie sich uns beinahe auf den Schoß setzen. Ganz unten die grünen Teppiche der Täler. Ab und zu jagen ein paar Bergdohlen vorbei.

Blick auf Stausee Blick vom Gipfel auf den Finstertaler Stausee, den Pockkogel (Mitte) und den Gaißkogel (links).

Blick auf Mittertal Blick vom Gipfel auf das Mittertal (links) und Wörgetal (rechts).

Der runde Gupf rechts ist der Schafzoll (Aufstieg in orange), dahinter die Karlesspitze (Aufstieg in violett).

vorgipfel Blick auf den Vorgipfel mit dem Kreuz, der über die Scharte erreicht wird.

Abstieg Links vom Vorgipfel sieht man deutlich den Abstiegsweg entlang des breiten Rückens. Aber kein Bach oder Quell ...

Dass dies der wärmste Tag mit annähernd 30 Grad im Tale werden soll, spüren wir sogar zu dieser frühen Stunde in dieser Höhe. Mit Bedauern sagen wir dem blockigen Pirchkogel Servus und steigen zur Westseite hin ab. Auch ohne die geplante Rundtour wäre dies unsere Wahl gewesen, denn soweit wir sehen können, scheint der Pfad zwar schmal aber schneefrei zu verlaufen. Wie überhaupt die ganze Westseite durch die Sonnenexposition ein besseres Herabkommen verspricht. Und so ist es auch.

Abstieg Blick hinunter in die Scharte, die auf steilem abschüssigen Geröll erreicht wird.

Äußerst gemächlich und sehr behutsam schlängelt sich der Pfad hinab, immer wieder überschreiten wir kleinere Vorgipfel in der Erwartung nun deutlich tiefer auf das breite Plateau, welches vom Gipfel so nahe scheint, zu kommen – und jedes Mal werden wir enttäuscht. Angenehm enttäuscht, denn jeder neue Blickwinkel ist schön, doch für den Aufsteigenden, zum Gipfel drängenden welch eine Geduldsprobe!

Beim Abstieg Nordseitig hat's noch so manche Schneewächte, aber die Sonne brennt enorm und mit Sommerkraft auf uns nieder.

Nach anderthalb Stunden haben wir erst ungefähr die Hälfte des Plateaus hinter uns gebracht, die Mittagszeit bringt ungeahnte Hitze. Da erst begegnen wir den ersten Aufsteigern und beobachten bei einer angenehmen Rast den quälend langsamen Tross.

Wörgetal Der Abstieg setzt sich schier endlos fort, mittlerweile sind wir auf der Höhe des Wörgetals angekommen.

Dort müssen wir hin, und dann wieder ins Mittertal zurück (grün).

Blick auf Pirchkogel-Abstiegsroute Blick von der gegenüberliegenden Seite, dem Mittertal aus auf das Pirchkogel-Plateau, über das die Abstiegsroute führt.

Skurrile Steinformen Ein ganzes Feld von kleinen "Steinmännern".

Je tiefer wir kommen umso heißer wird es, keine Quelle zeigt sich und auch der Waldweg bietet kaum Schatten, da der Kühtaier Bergwald nicht von der dichten, hohen Beschaffenheit ist, wie man ihn in anderen Gegenden schätzt. Sehr locker und niedrig ist der Wald, so dass es der Sonne leicht gemacht wird, uns mit ihren feurigen Strahlen zu quälen. Ziemlich oft versuche ich mir vorzustellen, was es bedeuten mag, sich JETZT diesen ewig hingezogenen Aufstieg entlang zu schleppen, wo wir nun beim Abstieg auf dem netten Forstweg schon so leiden?

Endlich, recht weit unten, kreuzt ein Bächlein unseren Weg, was uns wider recht fidel macht. Zu fidel, denn als wir die Straße erreichen, ignorieren wir die Stimme der Vernunft. Nein, wir gehen nicht die Straße entlang, sondern überqueren sie und machen uns an den steilen Aufstieg zur Iss-Alm. Nun, dieses Stück Arbeit wäre uns tatsächlich nicht erspart geblieben, um wieder nach oben zu unserer Hütte zu kommen. Trotzdem ist es im heißen Wald die ärgste Plagerei bis hinauf zur Iss-Alm, von der nur noch einige romantisch überwucherte Grundmauern existieren.

Groß jedoch unsere Verblüffung, als ein Schild am Anfang des Weges zur Mittergrathütte uns darüber aufklärt, dass die Benutzung gefährlich sei und auf eigene Gefahr erfolge. Ein solches Schild – am Beginn eines markierten und auf der AV-Karte eingetragenen Weges? So unvermittelt und – so möchte man angesichts aller anderen Wege in der Alpenregion sagen – so sonderbar auffällig? Nur wenige Schritte auf dem Weg zurückgelegt, geraten wir in einen Klettergarten für Riesen – ein aus gewaltigen Felsen bestehendes Blockfeld zieht sich da von der Nordseite des Schafzoll herab. Der Steig führt lustig gepunktet aber ohne erkennbare Anstrengung seiner Erbauer, hier einen rechten Weg zu bieten, munter hindurch. Blockwerk: Aber nun tief hinunter und wieder hinauf, ziehen, stemmen, tänzeln, springen, spreizen und was dergleich Plag noch mehr ist, wenn die Kletterbewegung mehr ins horizontale gerichtet ist als in die vertikale. Und noch recht am Anfang ein ganz ungewohntes Memento mori: Ein Gedenkkreuz für eine hier in den 80er Jahren verunglückte Dame (Ganz am Ende dieses wilden Steiges, der sogar diesen Namen kaum verdient, einigen wir uns darauf, dass die arme Frau wahrscheinlich vom Erschöpfungstod heimgesucht worden ist).

Endlich lassen wir das Blockfeld hinter uns, doch der Weg wird womöglich noch anstrengender. Nurmehr ein fußbreiter Pfad, ständig durch Latschenwurzeln (tief hinunter, wieder hoch hinauf), oft über grasige Rinnen mit interessanten Tiefblicken, der sengenden Sonne voll ausgesetzt, fordert dieser Pfad uns Erschöpften das letzte ab. Nun ja, wenn man vorher noch keine Anstrengung unternommen hat, klingt die Beschreibung im Führer recht plausibel: „Mühsam, unschwierig und abwechslungsreich“.

Endlich gegen 16 Uhr erreichen wir unser Heim. Die Wellness-Liegen nehmen uns gnädig auf!

Angesichts dieser grossen Unternehmung muss hervorgehoben werden, wie wichtig es für jeden Bergsteiger ist, seine Erlebnisse unmittelbar im Anschluss an die gemachte Tour festzuhalten, weil sich die Erinnerungen zunehmend im Laufe der Zeit verfälschen. Sie sind unzuverlässig und trügerisch, wie Nebelfetzen in den Bergen, die ständig die Gestalt verändern, und alle möglichen Formen dem Betrachter vorzugaukeln wissen. Dies kann ganz einfach verdeutlicht werden: Zunächst singen die aneinandergereihten Wasserblasen, die man leicht an verschiedenen Körperstellen finden kann im Chor mit den schmerzenden, manchmal überbeanspruchten Muskeln (und auch sonnenverbrannter Haut) ihr Liedlein von mühseliger Plage, grässlichen Stellen unlohnendster Qual.

Doch schon nach wenigen Tagen ist man geneigt, die strapaziöse Tour als interessantes Abenteuer zu betrachten. Und jetzt? Würden wir es gleich nochmal machen!!

In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass auf einer Hütte im Venedigergebiet die Geschichte eines Wissenschaftlers und begeisterten Bergsteigers kolportiert wurde, dessen angestrengtes Bemühen der Entwicklung eines Gerätes galt, mit dem sich eine geistige Momentaufnahme erreichen lassen sollte. So eine Art Gedanken-Fotoapparat. Man könnte jederzeit einen Schnappschuß seiner Erinnerungen machen! Kein lästiges führen eines Tourenbuches mehr. Ganz abgesehen davon, dass das sofortige Notieren seiner Gedanken beim Queren einer kritischen Stelle doch unpraktisch ist.

Leider ist jener Wissenschaftler in einen Bergbach gestürzt und es wird wohl noch Jahre vergehen, bis jemand seine bahnbrechenden Forschungen zu einem greifbaren Ergebnis führt.

Tag 6: Eine Flachlandstrecke im Regen

Über diesen Tag ist nichts zu berichten, außer dass wir erneut Wellness-Tests durchführen. Sie verlaufen sehr erfolgreich, so dass wir gegen Abend nach Kühtai wandern konnten, um das Auto zum Beladen unserer Ausrüstung wieder zurückzuholen. Der angesagte Regen bricht tatsächlich genau in diesem Moment los, womit wir den Test zur Feststellung der Vorhersagegenauigkeit örtlicher Wetterdienste als erfolgreich werten können.

Nachwort

Zum Bergsteigen ist das unbedingte Leidenwollen und –können unabdingbar. Wer die tiefgelegenen, zivilisierten und verstädterten Regionen hinter sich lässt, muss die Bereitschaft zu Wasserblasen, Sonnenbrand, Durst und den anderen Entbehrungen, die notwendigerweise in der reinen Natur existieren, in sich tragen.

Hierüber hat ein bedeutender Bergsteiger aus Südtirol vieles zu sagen gewusst und gutes Geld damit verdient. Jedoch halten wir seine Auffassung des Leidens in den Bergen nicht für sinnvoll. Ein „Pauschaltourismus des Leiden-WOLLENS“, wie sie von ihm in seinen Werken vertreten wird, kommt uns wenig effizient vor.

In unserem eigenen Stil, der sich über die Jahre entwickelt hat, setzen wir die willensbedingte Hingabe zur Leidensfähigkeit da und nur da ein, wo sich diese schicksalhaft nicht vermeiden läßt. Kurz gesagt: Die Wasserblase, die konkret existiert, wird zur letzten Probe unserer Willensstärke. Nicht die von vorneherein festgelegte Abkehr von der zivilisierten Welt, die Wahl strapaziöser, einsamer Touren, die gedankliche Wüste, in die man sich gleichsam mit Beginn der Tour begibt ..

Und was bleibt?

Der Eindruck, dass das Kühtai sehr schöne landschaftliche Eindrücke und ausschließlich steile Berge bietet, also etwas für Kletterer und „Eisenknochen“ ist. Und natürlich für Schafe, zumindest bergerprobte.