Dieses Mal war uns in punkto Wetter sogar Petrus gnädig!
Am Samstag, dem 04.09.99 um 3.00 Uhr sind wir aus den Federn gekrochen, um 4.30 Uhr von Wiesbaden abgefahren, über Karlsruhe - Stuttgart - Ulm - Wangen - Bregenz - Bludenz - direkt ins Montafon. Die Silvrettahochstrasse (Maut: ATS 150,--) führte uns zum Ausgangsort, genannt Bielerhöhe. Liegt an einem riesigen Stausee, hat dementsprechend einige riesige Parkplätze inklusive Touristenfutterstellen. Nach Zufuhr eines Müslis mit frischen Brombeeren (Vorbereitung ist alles) konnten wir uns unsere viel zu schweren Rucksäcke auf die armen Schultern laden, und den Weg am Stausee entlang antreten. Grossartige Berge ringsum, bis 2800m grünes Gras bzw. Moos auf sogenannten Hornblendegneisen (ja wir haben hier kristalline Gesteine vor uns), im Hintergrund dann die 3000er mit Firnfeldern und blaugrün schimmernden Gletschern.
Doch zunächst ist unser Ziel das Stauseeende, wo der Gletscherbach den Zufluss bildet, eine gute halbe Spazierstunde auf breitem ebenem Weg. Dann leichter Anstieg, schließlich müssen wir von 2000 m (Parkplatz) auf 2444 m, wo sich die Wiesbadener Hütte befindet. Massen von Bergwanderern und Tagesausflüglern unterwegs - nicht so dolle. Ach so, am Parkplatz waren wir übrigens um 11 Uhr, die Gehzeit zur Hütte von dort aus war mit 2 Stunden angegeben, das hat auch genau gestimmt, obwohl wir nicht schnell gegangen sind.
Ausrüstung (die nach oben geschleppte) war (Angaben sind für eine Person):
Das prophylaktische Tapen der Fersen und Zehen hat sich übrigens als äußerst nützlich erwiesen!! Die nette Hütte, gross aber trotzdem gemütlich, erreichten wir also kurz nach 13 Uhr, worauf wir uns sofort für ATS 85,-- das Bergsteigeressen einverleibten: Kartoffelgulasch. Sehr lecker. 1 Schiwasser (0,5 l) kostete allerdings ATS 35,--, das war bis jetzt aus meiner Erfahrung am teuersten. Da wir relativ früh dran waren, konnten wir uns noch in einem 4-Bett-Zimmer zwei Betten sichern.
Der Bergschütz (also Ingo) verspürte noch innere Kräfte und wir machten uns daher auf den Weg zum Vermuntkopf (2850 m), dem sog. Hüttenberg, da gleich hinter dieser befindlich. Der Weg nach oben war recht leicht, allerdings wurden mir die Beine nach 20 min. enorm schwer. Ich bezog also einen Aussichtspunkt auf Silvrettahorn und Schneeglocke und ließ Ingo alleine den Gipfel stürmen. Das Wetter war warm, die Sonne blinzelte ab und zu durch dicke, zunehmend grauer werdende Wolken hindurch. Der Wind war allerdings recht frisch. Ingo kehrte wohlbehalten nach einer Stunde zurück, und wir erreichten vor dem grossen Regen die Hütte. Dann aber prasselte es darnieder! Nach einer weiteren kräftigenden Spaghetti-Mahlzeit legten wir uns um 20.30 Uhr in die gemütlichen Betten und während Ingo alsbald einschlummerte (der Gletscherbach rauschte die ganze Nacht), warf ich mich ruhelos und leicht kopfschmerzgeplagt hin und her. Alles war totenstill, die beiden anderen Zimmergenossen, ältere Schwaben schnarchten auch nicht - also ideale, SELTENE, Verhältnisse, aber - diese nützten auch nichts. Mit Pein dachte ich außerdem an die Druckstelle im rechten Knöchel, und an meine nicht optimale Höhenanpassung - nein, der PIZ BUIN mit seinen 3312 m - erschien mir wahrhaft unerreichbar. Es hatten sich ja für diese jeden Sonntag vom Bergführerverband Monatafon veranstaltete Führung genügend Teilnehmer angemeldet, mein Rückzug würde also keine Probleme aufwerfen.
Aber erstmal um 6 Uhr aufstehen (da hätte ich schlummern können), Packen, Frühstücken, o da steht ja schon der Alm-Öhi-Bergführer, ein rüstiger Alter, der schlimmstes befürchten ließ, und noch 2 Teilnehmer in JEANS und richtig unbedarft aussehend. Na, mit denen könnte ich doch auch noch mithalten?! Also ganz schnell alles zusammenraffen und los gehts - 6 Teilnehmer und der Öhi. Zunächst über Schuttfelder mäßig steil bergauf, etwa 10-15 min.
Auf dem Gletscher treffen wir auf den zweiten Bergführer und 2 weitere Teilnehmer, Gustl (der Führer), Werner und Jens. Wir werden zu diesen gesteckt, damit wir zwei 5er-Seilschaften bilden können. Die Verhältnisse auf dem tief verschneiten Gletscher sind so gut, d.h. das Eis ist griffig, der Schnee ist weiter oben weich, wir brauchen die Steigeisen nicht. Wir queren im 4-5m Abstand angeseilt den Gletscher, Gustl vorneweg, dann ich, Ingo, Werner und Jens, sehr leicht ansteigend und es ist sonnig und sehr warm. Es macht Spass und ich fühle mich seltsamerweise bestens. Wir gehen recht langsam, aber zügig, das einzige was nervt ist, dass meine Brille unter der Gletscherbrille dauernd beschlägt (aufgrund meiner Kurzsichtigkeit musste ich mich stets mit 2 Brillen herumschlagen). Ausserdem haben sich viele andere auch auf den Weg zum Buin gemacht, es ist ganz schön was los.
Der Schnee wird immer steiler, man muss aufpassen, das man nicht ausrutscht. Das steile Firnfeld führt uns zum Wiesbadener Grätle, das überquert werden muss, wobei der Name die echte Verniedlichung ist! Früher reichte der Gletscher fast bis zum Grat hinauf, aber durch das Abschmelzen ist dies nun eine echte Kletterstelle geworden! Aber auch so wird mir anders, als wir oben am Felsen ankommen, links geht es steil das Schneefeld hinunter (ca. 100 m), rechts hat sich zwischen Fels und Schneegrat eine Kluft gebildet, stellenweise sicher 20 m tief. Schauder! Mittlerweile sind wir erneut stehengeblieben, da die vor uns gehende Gruppe grosse Probleme hat (ohne Bergführer). Gustl weist sie wiederholt scharf zurecht. Plötzlich von hinten ein scharfer Ruck an meinem Seil, ich werde von den Beinen gerissen, liege plötzlich auf dem Bauch, den Pickel in den Schnee gedrückt und versuche irgendeinen Halt zu finden ausser dem Pickel. Der Schnee ist hier oben aber noch sehr hart. Jens und Werner versichern Ingo, dass sie ihn halten und Gustl zieht mich die 2m rauf, die ich runtergerutscht bin. Ich bewundere seinen Reitersitz auf dem Schneegrat, den er sofort blitzschnell eingenommen hat um einen Halt zu haben. Ein Blick über die Schulter: Ingo arbeitet sich gerade wieder hoch, er war ausgeglitten, und wenn wir nicht vorschriftsmässig mit richtiger Seillänge gestanden wären, so wären wir vielleicht allesamt in die Tiefe gerutscht. Jetzt sind wir aufgewacht und munter!
Gustl verliert die Geduld und beschließt, den Felsen direkt hinauf zu klettern, was er auch tut. Wir folgen ihm über die lockeren Blöcke des Grätles hinauf, die Steinschlaggefahr ist natürlich gegeben. Er sichert immer wieder und wir folgen ihm einer nach dem anderen, wobei ich es vermeide in die Tiefe zu schauen. Es ist ziemlich ausgesetzt, wie hoch kann ich nicht genau sagen (vielleicht 30-40m). Auf der anderen Seite sind es nur 2-3 m, dann stehen wir auf dem Ochsentaler Gletscher. Wir queren ihn ein Stück leicht aufwärts, und erreichen die 3000m-Grenze, womit wir bei der sog. Buin-Lücke ankommen.
Mittlerweile hat es sich mehr zugezogen, aber es klart auch immer wieder auf und die Sonne ist ebenfalls ab und an zu sehen. Der Grosse Buin ist mehr oder weniger ein Schuttberg, es gibt nur 2 steilere Felsbänder. Aber es ist hier mehr Schnee gefallen und es sieht rutschig aus. Wir folgen dem schmalen Weg über die Schuttflanke, aber dann weicht Gustl ab und wir klettern erneut. Angeblich war der Normalweg zu dicht am Abgrund, unangenehm, wie er meint. Vielleicht um diese Zeit tatsächlich noch glatt und tückisch, aber beim Rückweg über die Normalroute verstehen wir das nicht so ganz. Mit Jens ist halt ein Superkletterer dabei, also kommen wir auch zu diesem Vergnügen ..
Na ja, es macht jedenfalls Spass, Gustl hat alles im Griff. Mich behält er bis oben aus Sicherheitsgründen am kurzen Seil, und das hat mir psychologisch gut getan. Die letzten Meter bis zum Kreuz sind wieder einfach - BERG HEIL auf 3312 m. Erstaunlich für mich: keine Konditionsprobleme, keine Atemnot oder so, keine Probleme in die Tiefe zu schauen. Fernblick nicht so gut, da Wolken zu tief, aber wunderbare Aussicht auf die Nachbargipfel und die Gletscher. Nach reichlicher Flüssigkeitszufuhr gelingt auch der Verzehr des belegten Brotes. Hat man zuviel Flüssigkeit verschwitzt, wird der Bissen zu einem trockenen Klumpen im Mund, auf dem man ewig herumkaut. Man kriegt buchstäblich nichts herunter. Dieses Mal trat das Problem nicht auf, und auf der Brotgrundlage ruhte dann auch der Apfel vorzüglich (Bei der Skitourenwoche hatte ich einen mit Wasser gefüllten Bauch in dem einzelne Apfelstücke herumschwammen - bei jeder Bewegung spürte man das - absolut ätzend).
Nach der ausgedehnten Pause gehts an den Rückweg, der seltsamerweise viel einfacher als erwartet ist - die eine lange steile Stelle werden wir kurzerhand abgeseilt, was auch total Spass macht. Von der Buiner Lücke aus gehen wir nicht zurück zum Grätle, der Abstieg erfolgt gleich über den Ochsentaler Gletscher. Vom Buin aus gesehen gehen wir erst eine lange Querung zur linken Seite des Gletschers, sanft absteigend, dann direkter nach unten bis zum Eisbruch. Oben waren die Spalten fast immer so dick zugeschneit, das man sie nur an der anderen Schneefärbung erkennen konnte. Wir haben, wie Gustl versichert, beste Verhältnisse. Im Eisbruch erst sind die Spalten offen, aber nicht breit - kein Problem. Zur Sicherheit ziehen wir hier die Steigeisen an, obwohl das Eis durch den leichten angetauten Schnee unheimlich griffig ist. Natürlich gehen wir angeseilt, falls mal einer mit den Steigeisen am Hosenbein hängenbleibt... Vom linken Rand des Gletschers können wir den steilen Eisbruch umgehen. Es geht nun wieder in einer langen Querung zum rechten Rand hinüber. Weiter unten nehmen wir die Steigeisen wieder ab, es läuft sich ohne besser. Am Gletscherrand geht es noch ein bischen über den Moränenschutt auf und ab und dann - endlich - geradewegs sanft bergab zur Hütte zurück. Punkt 14 Uhr sind wir dort, perfekt innerhalb der angegebenen Zeit. Kurze Zeit später platscht es auch. Nach einer gemütlichen Plausch- und Stärkungsrunde brechen wir wieder auf. Zum Abstieg zurück zum Parkplatz wieder gutes Wetter.
Ankunft in Wiesbaden: 0.15 Uhr Fazit: Gutes Wetter, sehr nette Gruppe, Super Bergführer, beste Gletscherverhältnisse, einfach klasse. Allgemeine Bewertung: Hochalpine Bergfahrt, Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, gute Kondition und Bergführer unbedingt notwendig.
Claudia