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Ingo Klöckl
i.kloeckl@2k-software.de

Tourenwoche Hochschwab

Nach langem Warten ist die Zeit nach dem Winter endlich vorbei, und es naht der Bergsommer, der sich jetzt, Ende Juni, allerdings noch kühl und feucht präsentiert. Das hielt uns, Schwägerin und ihr Mann, ein Geologenpärchen, sowie meine Frau und mich nicht ab, das Projekt "Hochschwab" in Angriff zu nehmen. Diese Region erreichten wir auch nach allzulanger Fahrt, da es in einem fast schon "unzugänglichen" Winkel der Steiermark liegt, zumindest von unserem damaligen Wohnort im Rhein-Main-Gebiet aus betrachtet. Unser Plan war eine Durchquerung von Tragöß Richtung Seewiesen, mit allerhand Gipfelschlenkern, evt. eine Rundtour über das G'hackte, je nach Laune. Eigentlich wollten wir sogar noch weitere Kreise drehen, durch unbekannte dichte Wälder ziehen und wie die Trapper in Felle gehüllt schlafen, wo wir gerade waren. Das Naßkalte freilich hat uns davon abgehalten, uns verweichlichte Städter.

Nach einer Übernachtung in einem Dorf im Zielgebiet fuhren wir nach Tragöß, ein nettes kleines Örtchen "am Ende der Welt", hinter dem noch die Felsen des Hochschwabs eng zusammenrücken und nur eine kleine Straß eine Zeit lang zu einigen Wochenendhäuschen führt, an deren Parkplatz dann die Anfahrt mit dem Stinkomobil zu Ende ist. Von hier aus marschiert man auf einem breiten Hohlweg los, der im Krieg von Russen erbaut wurde und daher die "Russenstraße" heißt. Sie ist mehr für Wanderer als für Bergsteiger gedacht, da auch Jeeps hier fahren können (und mehrere Jager dies auch tun). Wenn es trockener ist, müssen wir noch einmal her und uns tatsächlich auf Hinterwegen durch die Wälder und Büsche schlagen, um diesem zivilisatorischen Trubel zu entgehen. Durch das schlechte Wetter waren die Jager allerdings praktisch die einzigen Leut unterwegs, sodaß hier allerorten Ruhe herrschte.

Der Beginn im Regen war überaus anregend und zeigte gleich eine deutliche Teilung der Gruppe in Berglebewesen und Trockenlebewesen :-) Dennoch gelang uns der Start, und ca. 600 Höhenmeter Aufstieg bis zur Sonnschienhütte lagen vor uns.

Man folgt der Russenstraße fast eben bis zu einer gewaltigen Felswand, an der sie sich in die Höhe schlängelt und dabei fast die ganzen 500 Höhenmeter überwindet, die wir für heute geplant hatten. Am oberen Ende der Felswand angekommen, hat man auch den Rand der großen Hochebene erreicht, die um die Sonnschienhütte herum ausgebreitet liegt und auf der einige Almhäuschen stehen nebst der Hütte.

Nach dem Marsch im anhaltend feuchten Nieseln waren doch auch die Berglebewesen unter uns angetan, endlich in die Hütte einzutreten, auf der wir die einzigen Gäste waren, bis auf zwei Spezl aus der Gegend. Die Hütte ist recht groß, sodaß sich das eigenartige Gefühl einstellte, das einen in solchen Räumen die Leere noch stärker spü,ren läßt. Zumal der Wirt sich mehr mit seinen Spezl unterhielt und keine rechte Gastlichkeit aufkommen wollte. Immerhin gab es im ganzen eine Wurst und eine Suppe, jedoch dachten Claudia und ich uns im Stillen, daß der Hochschwab doch eigentlich keine rechte steirische Gegend mehr sei und wohl zu nah am wienerisch-städtischen Touri-Einzugsgebiet liege, da unsere Erfahrungen in der Steiermark doch stets mit großen kulinarischen Erlebnissen verbunden waren. Da auch keine Spiele vorhanden waren außer den Schnapskarten und wir dieses Spiel immer noch nicht beherrschen, gab's nichts zu tun außer Schauen und Träumen, was wir in diesen Tagen auch vorhatten, aber nach dem Treiben in der Stadt kann man gar nicht so rasch ruhig werden. Die umliegenden Bergspitzen lagen durchwegs in dichtem Gewölk, sodaß wir auf ihre Besteigung verzichteten, schauten und träumten und bald ins Lager zogen. Das Lager war dann auch sehr still und schlaffördernd.

An diesem Tag begann nun unsere eigentliche Hochschwabdurchquerung, denn gewöhnlich geht man von der Sonnschienhütte aus über die Häuslalm und den Hochschwab zum Schiestlhaus, eine stramme 6-Stunden-Etappe. Geistig beim Schnee auf dem Hochschwab, körperlich noch im warmen Schlafsack, begannen wir also die Etappe, erreichten schnell das romantische Karstgebiet, in dem sich wilde Felsblöcke, Bäume und Grasflächen zu einem malerischen Anblick vereinen und sich der Weg mal bergauf, mal bergab um große Blöcke und durch kleine Tälchen schlängelt. Ja, selbst im Regen war die Landschaft herrlich, sagten wir uns immer wieder. Und zum Beweis tauchte nach einer halben Stunde der romantische Sackwiesensee auf, den man bequem in erdig-matschigem Gelände in einer halben Stunde umrunden kann. Alternativ kann man sich hier auch unter einem großem Baum vor dem Regen in Sicherheit bringen und zusehen, wie es immer stärker zu regnen beginnt :-) Sollten wir bei diesem Wetter tatsächlich zur Höhe aufsteigen, in der es nun schon schneien würde? Eine starke Fraktion von vier Mannen/Frauen (von vier gesamt) war dafür, diese Frage bei einer Mehlspeis auf der Häuslalm zu diskutieren.

Buchberg 1700 m

Der Buchberg ist der Hausberg der Häuslalm und ragt direkt neben ihr 1700 m hoch in den Himmel ... Eigentlich ist die Häuslalm, knapp eine 3/4 Stunde von der Sonnschienhütte entfernt, nur eine Zwischenstation vor der eigentlichen Hochschwabüberquerung, aber durch die kalte Witterung der letzten und des heutigen Tages waren wir wegen der Schneelage auf dem Hochschwabplateau besorgt und wollten noch einen Tag "die Sonne ranlassen", um uns einen Weg freizuschmelzen. Im Sinne hatten wir dabei die gar greulichen Geschichten von Personen und Gruppen, die auf dem Hochschwabplataeu bei plötzlichem Schlechtwetter und Schneeeinbruch schon erfroren waren. Vor unserem geistigen Auge malten wir uns himmelhoch strebende Kalkspitzen aus, zwischen denen sich, unter dickem Schnee begraben, ein schmaler Pfad hart an Abbrüchen durch gewaltige Dolinentrichter hindurchwindet ...

Wir beendeten die Tagesetape daher nach sagenhaften 2 km Wegstrecke und bereiteten die während der letzten Minuten bereits insgeheim beschlossene Nächtigung auf der Häuslalm vor, indem die Damen sich dem Essensangebot zuwandten und wir Berglerbuam unsere offenbar vorhandenen überschüssigen Kräfte durch eine Besteigung des Buchbergs abreagieren wollten.

Zum Aufstieg ist eigentlich nichts weiter zu sagen, als das ein schmaler Steig 20 Minuten durch sehr steiles Latschengelände mühsam in die Höhe führt und der kahle Gipfel mit einem herrlichen Rundblick auf das Sonnschienplateau und den beginnenden eigentlichen Hochschwab belohnt. Weiterhin kann man weithin über das steirische Hügelland blicken. Der Zaglkogel als Vorbote des Hochschwabs steht als Wegweiser vor dem Plateau. Der Hochschwab selber präsentierte sich wie erwartet im weißen Festtagskleid aus Schnee, aber mit jeder Stunde konnten wir sehen, wie der Schnee weniger wurde. Der nächste Tag würde uns daher bereits auf dem Gipfel sehen ...

Bei der Häuslal, handelt sich um ein kleines Häuserl mit einem Raum und einer Küche sowie einem Gästehaus, in dem an die zehn Betten in drei Rämen stehen. Aber keine Betten im Sinne eines Hotels, da das Ganze ungeheizt und zu unserer Zeit wirklich eisig war und außerdem ein nicht wirklich ausgebautes Stallgebäude ist, brauchen wir wohl nicht den Vorwurf der Warmduscher über uns ergehen lassen. Vielmehr handelt es sich um eine Art Biwakieren in festen Mauern ;-) Das Speisenangebot ist, vor allem nach der Erfahrung auf der Sonnschienhütte, ausgesprochen steirisch-gut. Während der Mahlzeiten hörten wir in der Alm denn auch von einer angekommenen Damenwandergruppe, daß sie auf dem Hochplateau um den Hochschwab durch dicken Schnee gestapft waren.

Da es inzwischen in Strömen goß und auch urplötzlich eine 30köpfige Gruppe von Geographen aus der umliegenden Hochschule auftauchten, sicherten wir uns noch rasch einen Platz am Ofen, einen Heferlkaffee nebst einem sehr guten Abendessen und hernach ein Abteil des Mauer"biwaks", in dem wir uns gegen die Kälte gleich mit den Schlafsäcken wehrten und den Rest des Tages fast schon verdämmerten. In der Nacht kamen dann noch einige der Geographen hereingestolpert, nachdem sie in der naßen Gegend herumgepritschelt hatten, um noch etwas zu beobachten und zu lernen. Ja, die Freuden der Studi-Zeit ... Durch die immer wieder offenbleibende (Stall)Tü,r kam es nicht minder nachtkalt herein als aus unserer Behausung kalt hinaus zog. Wäre es nicht so naß gewesen, wir hätten gleich dort bleiben können. Wieder habe ich die Erfahrung gemacht, daß es auch im Sommer und geringen Höhenlagen nie verkehrt ist, zum guten Schlafsack zu greifen und auch ein paar Gamaschen oder gar Pickel dabeizuhaben. Zum Glück war dieser denn doch nicht erforderlich, da wir nicht die ersten sein wollten, die mit Hochtourenausrüstung munter an den sommerlich gewandeten Kletterern vorbeizogen und ihn zuhause gelassen hatten :-)

Nach diversen opulenten Mahlzeiten auf der Häuslalm verabschiedeten wir uns am nächsten Tag und brachen frohgestimmt zur Hochschwabdurchquerung auf. In der ersten Gehstunde gilt es zunächst, inmitten einer herrlichen karstigen Latschen- und Krummholzlandschaft höher zu steigen, die 2000 m-Grenze zu passieren und allmählich in die Region von Fels und Schnee einzudringen. Überall und vor allem in den Karstmulden lag noch viel Schnee, sodaß es stellenweise galt, vorsichtig zu sein. Durch diese Wetterumstände gelang es dem ansonsten auch für Wanderer geeigneten Hochschwab, einen Hauch von Alpinismus in unser Unternehmen zu bringen.

Soeben haben wir die 2000 m-Niveaulinie überquert und werfen einen Blick zurück in das Gebiet der Häuslalm. Je höher wir steigen, desto weißer wird es.

Nach zwei Stunden hatten wir nun allmählich die Hochfläche des Hochschwabkammes erreicht, der im Grunde einen sehr breiten rundlichen Rücken bildet, der durch kleine und große Karsterscheinungen in eine stellenweise sehr wilde Landschaft mit tiefen Abbrüchen, Graten und Dolinen verwandelt wird. Der Weg führt zunächst durch dichtbewachsenes romantisches Karstgebiet und zieht stetig in die Höhe. Zwischendurch verkündet eine auf den Felsen aufgemalte "2000" stolz die bislang erreichte Höhe. Später führt der Weg meist über den flachen Rücken des Plateaus und ist gut sichtbar mit hohen Stangen markiert. Teilweise schlängelt er sich jedoch auch längs einer Dolinenkante im Schnee entlang und wird dann durchaus alpin. Im Nebel mag man sich hier leicht verirren und den teilweise durch den Schnee verdeckten Karsterscheinungen zum Opfer fallen, wie wohl schon öfters geschehen. Da der heutige Tag jedoch schon von beginnendem Schönwetter gekennzeichnet war, verschwand im Laufe der Stunden vor uns immer mehr Schnee, nur noch der nunmehr in Sichtweite gerückte Gipfel des Hochschwabs behielt sein weißes Kleid bei. Mit diesem Gipfelschnee und seiner Form erschien er mir fast wie einer der großen fernen Schneeberge des asiaischen Kontinents ... Natürlich ist das nur der Tagtraum eines Wanderers, der einige Stunden durch den Schnee marschiert ist und sich nun auf großem Trecking im Himalaya wähnt :-)

Nach einigen Stunden auf der Hochfläche zeigt der Sommer doch Wirkung, nur der ferne Hochschwab ist noch weiß ... Ein Blick auf die Fleischer-Biwakschachtel.

Nach einer Jause in der Fleischer-Biwakschachtel erklommen wir den Schlußhang des Hochschwabs, der jedoch noch sehr verschneit war. Angesichts unserer zwei müden und alpin minder erfahrenen Begleiter entschlossen Claudia und ich uns, zunächst den Hochschwabgipfel zu umgehen und auf direktem Wege zum Schiestlhaus zu wandern und den Gipfel morgen zu "packen".

Im Aufstieg zum Gipfel hat Claudia noch tiefen Schnee zu überwinden.

Eismauer 2194 m und Kleiner Schwabe 2245 m

Durch die schmelzende Kraft der Sonne gelang es uns tatsächlich, die Hochschwabdurchquerung angenehm zu Ende zu bringen. Um 16:00 Uhr gelangten wir an das Schiestlhaus, das uns gastlich aufnahm und mit Würstl mit Saft verköstigte. Hernach war nur noch Sitzen in der warmen Sonne angesagt, die mit jeder Minute kräftiger hervortrat. Das war für mich das Signal, nach einer halben Stunde des Müßiggangs noch ein bisserl die Gegend zu erforschen. Das erste Ziel, der Gipfel der Eismauer, lag unmittelbar hinter der Hütte und ragt nur um etwa 50 m über diese empor. Eine leichte Schrofenflanke führt in beliebiger Wegführung in 10 Minuten unschwer zum Gipfel, der auf der der Hütte abgewandten Seite allerdings sehr steil 300 m in die Tiefe bricht und dort echte Kletterrouten aufweist.

Können diese 10 Minuten nun schon alles gewesen sein? Nein, noch lockt der Doppelgipfel des Hochschwabs. Den großen will ich morgen mit Claudia besteigen, aber der kleine, nie genannte und unbekannte, der soll mein heutiges Tagewerk beschliessen. Über eine unschwierige Gras- und Schrofenflanke kann man ihm in einer halben Stunde aufs Haupt steigen und sieht von hier aus sehr schön den Gipfel des Hochschwabs, der steil nach Süden abstürzt und eine imposante Schneewächte trägt. Weglos kann man vom Gipfel des kleinen Schwaben aus in die Scharte zwischen den beiden Gipfeln absteigen und in leichter Kletterei (I) auf einen Verbindungsgrat zum Hochschwab hinaufkrallen, der über eine Grasflanke zum Gipfel führen würde. Aber das ist ja für morgen aufgehoben, daher geht es nun zur Hütte hinunten, im Bewußtsein, weglos einen wichtigen Gipfel bestiegen zu haben :-)

Der Gipfel des Hochschwabs von der Scharte zwischen hohem und kleinem Schwaben aus gesehen.

Hochschwab 2277 m

Der heutige Tag ist unsere Königsetappe, die Besteigung des ernsten Hochschwabs steht bevor. Die Gipfelgruppe besteht allerdings nur aus Claudia und mir, und wir schaffen es, in einer halben Stunde von der Hütte aus beliebig über die einfache, grasige, teilweise schrofige Flanke zum flachen Gipfel zu steigen. Schwierigkeiten gibt es hier keine. Eine grandiose Fernsicht belohnt uns, die gesamte Hochschwabregion präsentiert sich uns, und noch weiter schweift der Blick zu fernen Bergen, die wir nicht kennen ...