Tourenwoche Hochschwab
Nach langem Warten ist die Zeit nach dem Winter endlich vorbei, und es naht
der Bergsommer, der sich jetzt, Ende Juni, allerdings noch kühl und feucht
präsentiert. Das hielt uns, Schwägerin und ihr Mann, ein Geologenpärchen,
sowie meine Frau und mich nicht ab, das Projekt "Hochschwab" in Angriff zu nehmen.
Diese Region erreichten wir auch nach allzulanger Fahrt, da es in einem fast schon
"unzugänglichen" Winkel der Steiermark liegt, zumindest von unserem damaligen Wohnort
im Rhein-Main-Gebiet aus betrachtet. Unser Plan war eine Durchquerung von Tragöß
Richtung Seewiesen, mit allerhand Gipfelschlenkern, evt. eine Rundtour
über das G'hackte, je nach Laune. Eigentlich wollten wir sogar noch
weitere Kreise drehen, durch unbekannte dichte Wälder ziehen und
wie die Trapper in Felle gehüllt schlafen, wo wir gerade waren.
Das Naßkalte freilich hat uns davon abgehalten, uns verweichlichte Städter.
Nach einer Übernachtung in einem Dorf im Zielgebiet fuhren wir nach Tragöß,
ein nettes kleines Örtchen "am Ende der Welt", hinter dem noch die Felsen des
Hochschwabs eng zusammenrücken und nur eine kleine Straß eine Zeit lang
zu einigen Wochenendhäuschen führt, an deren Parkplatz dann die
Anfahrt mit dem Stinkomobil zu Ende ist. Von hier aus marschiert man auf
einem breiten Hohlweg los, der im Krieg von Russen erbaut wurde und daher
die "Russenstraße" heißt. Sie ist mehr für Wanderer als
für Bergsteiger gedacht, da auch Jeeps hier fahren können (und
mehrere Jager dies auch tun). Wenn es trockener ist, müssen wir noch
einmal her und uns tatsächlich auf Hinterwegen durch die Wälder
und Büsche schlagen, um diesem zivilisatorischen Trubel zu entgehen.
Durch das schlechte Wetter waren die Jager allerdings praktisch die einzigen
Leut unterwegs, sodaß hier allerorten Ruhe herrschte.
Der Beginn im Regen war überaus anregend und zeigte gleich eine deutliche Teilung
der Gruppe in Berglebewesen und Trockenlebewesen :-) Dennoch gelang uns der
Start, und ca. 600 Höhenmeter Aufstieg bis zur
Sonnschienhütte lagen vor uns.
Man folgt der Russenstraße fast eben bis zu einer gewaltigen Felswand,
an der sie sich in die Höhe schlängelt und dabei fast die ganzen
500 Höhenmeter überwindet, die wir für heute geplant hatten.
Am oberen Ende der Felswand angekommen, hat man auch den Rand der großen
Hochebene erreicht, die um die Sonnschienhütte herum ausgebreitet
liegt und auf der einige Almhäuschen stehen nebst der Hütte.
Nach dem Marsch im anhaltend feuchten Nieseln waren doch auch die Berglebewesen unter
uns angetan, endlich in die Hütte einzutreten, auf der wir die einzigen Gäste
waren, bis auf zwei Spezl aus der Gegend. Die Hütte ist
recht groß, sodaß sich das eigenartige Gefühl einstellte,
das einen in solchen Räumen die Leere noch stärker spü,ren
läßt. Zumal der Wirt sich mehr mit seinen Spezl unterhielt
und keine rechte Gastlichkeit aufkommen wollte. Immerhin gab es im ganzen
eine Wurst und eine Suppe, jedoch dachten Claudia und ich uns im Stillen,
daß der Hochschwab doch eigentlich keine rechte steirische Gegend
mehr sei und wohl zu nah am wienerisch-städtischen Touri-Einzugsgebiet liege,
da unsere Erfahrungen in der Steiermark doch stets mit großen
kulinarischen Erlebnissen verbunden waren.
Da auch keine Spiele vorhanden waren außer den Schnapskarten und wir
dieses Spiel immer noch nicht beherrschen, gab's nichts zu tun außer
Schauen und Träumen, was wir in diesen Tagen auch vorhatten, aber nach
dem Treiben in der Stadt kann man gar nicht so rasch ruhig werden. Die
umliegenden Bergspitzen lagen durchwegs in dichtem Gewölk, sodaß
wir auf ihre Besteigung verzichteten, schauten und träumten und bald
ins Lager zogen. Das Lager war dann auch sehr still und schlaffördernd.
An diesem Tag begann nun unsere eigentliche Hochschwabdurchquerung, denn gewöhnlich
geht man von der Sonnschienhütte aus über die Häuslalm und den Hochschwab zum
Schiestlhaus, eine stramme 6-Stunden-Etappe. Geistig beim Schnee auf dem Hochschwab,
körperlich noch im warmen Schlafsack, begannen wir also die Etappe, erreichten
schnell das romantische Karstgebiet, in dem sich wilde Felsblöcke, Bäume und
Grasflächen zu einem malerischen Anblick vereinen und sich der Weg mal bergauf, mal
bergab um große Blöcke und durch kleine Tälchen schlängelt. Ja, selbst im Regen war die
Landschaft herrlich, sagten wir uns immer wieder. Und zum Beweis tauchte nach
einer halben Stunde der romantische Sackwiesensee auf, den man bequem in erdig-matschigem
Gelände in einer halben Stunde umrunden kann.
Alternativ kann man sich hier auch unter einem großem Baum vor dem Regen in
Sicherheit bringen und zusehen, wie es immer stärker zu regnen beginnt :-) Sollten
wir bei diesem Wetter tatsächlich zur Höhe aufsteigen, in der es nun schon schneien
würde? Eine starke Fraktion von vier Mannen/Frauen (von vier gesamt) war dafür,
diese Frage bei einer Mehlspeis auf der Häuslalm zu diskutieren.
Buchberg 1700 m
Der Buchberg ist der Hausberg der Häuslalm und ragt direkt neben ihr 1700
m hoch in den Himmel ... Eigentlich ist die Häuslalm, knapp eine 3/4 Stunde
von der Sonnschienhütte entfernt, nur eine Zwischenstation vor der eigentlichen
Hochschwabüberquerung, aber durch die kalte Witterung der letzten und des heutigen
Tages waren wir wegen der Schneelage auf dem Hochschwabplateau besorgt und wollten
noch einen Tag "die Sonne ranlassen", um uns einen Weg freizuschmelzen. Im Sinne
hatten wir dabei die gar greulichen Geschichten von Personen und Gruppen, die auf
dem Hochschwabplataeu bei plötzlichem Schlechtwetter und Schneeeinbruch schon
erfroren waren. Vor unserem geistigen Auge malten wir uns himmelhoch strebende
Kalkspitzen aus, zwischen denen sich, unter dickem Schnee begraben, ein schmaler
Pfad hart an Abbrüchen durch gewaltige Dolinentrichter hindurchwindet ...
Wir beendeten die Tagesetape daher nach sagenhaften 2 km Wegstrecke und bereiteten
die während der letzten Minuten bereits insgeheim beschlossene Nächtigung auf
der Häuslalm vor, indem die Damen sich dem Essensangebot zuwandten und wir Berglerbuam
unsere offenbar vorhandenen überschüssigen Kräfte durch eine Besteigung des
Buchbergs abreagieren wollten.
Zum Aufstieg ist eigentlich nichts weiter zu sagen, als das ein schmaler Steig
20 Minuten durch sehr steiles Latschengelände mühsam in die Höhe führt und der
kahle Gipfel mit einem herrlichen Rundblick auf das Sonnschienplateau und den
beginnenden eigentlichen Hochschwab belohnt. Weiterhin kann man weithin über
das steirische Hügelland blicken. Der Zaglkogel als Vorbote des Hochschwabs steht als
Wegweiser vor dem Plateau. Der Hochschwab selber präsentierte sich wie
erwartet im weißen Festtagskleid aus Schnee, aber mit jeder Stunde konnten wir
sehen, wie der Schnee weniger wurde. Der nächste Tag würde uns daher bereits
auf dem Gipfel sehen ...
Bei der Häuslal, handelt sich um ein kleines Häuserl mit einem
Raum und einer Küche sowie einem Gästehaus, in dem an die zehn
Betten in drei Rämen stehen. Aber keine Betten im Sinne eines Hotels,
da das Ganze ungeheizt und zu unserer Zeit wirklich eisig war und
außerdem ein nicht wirklich ausgebautes Stallgebäude ist, brauchen
wir wohl nicht den Vorwurf der Warmduscher über uns ergehen lassen.
Vielmehr handelt es sich um eine Art Biwakieren in festen Mauern ;-) Das Speisenangebot
ist, vor allem nach der Erfahrung auf der Sonnschienhütte, ausgesprochen
steirisch-gut. Während der Mahlzeiten hörten wir in der Alm denn auch von einer
angekommenen Damenwandergruppe, daß sie auf dem Hochplateau um den
Hochschwab durch dicken Schnee gestapft waren.
Da es inzwischen in Strömen
goß und auch urplötzlich eine 30köpfige Gruppe von
Geographen aus der umliegenden Hochschule auftauchten, sicherten wir uns
noch rasch einen Platz am Ofen, einen Heferlkaffee nebst einem sehr guten
Abendessen und hernach ein Abteil
des Mauer"biwaks", in dem wir uns gegen die Kälte gleich mit den
Schlafsäcken wehrten und den Rest des Tages fast schon verdämmerten.
In der Nacht kamen dann noch einige der Geographen hereingestolpert, nachdem
sie in der naßen Gegend herumgepritschelt hatten, um noch etwas zu
beobachten und zu lernen. Ja, die Freuden der Studi-Zeit ... Durch die
immer wieder offenbleibende (Stall)Tü,r kam es nicht minder nachtkalt
herein als aus unserer Behausung kalt hinaus zog. Wäre es nicht
so naß gewesen, wir hätten gleich dort bleiben können. Wieder
habe ich die Erfahrung gemacht, daß es auch im Sommer und geringen
Höhenlagen nie verkehrt ist, zum guten Schlafsack zu greifen und auch
ein paar Gamaschen oder gar Pickel dabeizuhaben. Zum Glück war dieser denn doch
nicht erforderlich, da wir nicht die ersten sein wollten, die mit Hochtourenausrüstung
munter an den sommerlich gewandeten Kletterern vorbeizogen und ihn zuhause gelassen
hatten :-)
Nach diversen opulenten Mahlzeiten auf der Häuslalm verabschiedeten wir uns am
nächsten Tag und brachen frohgestimmt zur Hochschwabdurchquerung auf. In der ersten Gehstunde
gilt es zunächst, inmitten einer herrlichen karstigen Latschen- und Krummholzlandschaft
höher zu steigen, die 2000 m-Grenze zu passieren und allmählich in die Region
von Fels und Schnee einzudringen. Überall und vor allem in den Karstmulden lag
noch viel Schnee, sodaß es stellenweise galt, vorsichtig zu sein. Durch diese
Wetterumstände gelang es dem ansonsten auch für Wanderer geeigneten Hochschwab,
einen Hauch von Alpinismus in unser Unternehmen zu bringen.
Soeben haben wir die 2000 m-Niveaulinie überquert und werfen einen
Blick zurück in das Gebiet der Häuslalm. |
Je höher wir steigen, desto weißer wird es. |
Nach zwei Stunden hatten wir nun allmählich die Hochfläche des Hochschwabkammes
erreicht, der im Grunde einen sehr breiten rundlichen Rücken bildet, der durch
kleine und große Karsterscheinungen in eine stellenweise sehr wilde Landschaft
mit tiefen Abbrüchen, Graten und Dolinen verwandelt wird. Der Weg führt zunächst
durch dichtbewachsenes romantisches Karstgebiet und zieht stetig in die Höhe.
Zwischendurch verkündet eine auf den Felsen aufgemalte "2000" stolz die bislang
erreichte Höhe. Später führt der Weg meist
über den flachen Rücken des Plateaus und ist gut sichtbar mit hohen Stangen markiert. Teilweise
schlängelt er sich jedoch auch längs einer Dolinenkante im Schnee entlang und
wird dann durchaus alpin. Im Nebel mag man sich hier leicht verirren und den
teilweise durch den Schnee verdeckten Karsterscheinungen zum Opfer fallen, wie
wohl schon öfters geschehen. Da der heutige Tag jedoch schon von beginnendem
Schönwetter gekennzeichnet war, verschwand im Laufe der Stunden vor uns immer
mehr Schnee, nur noch der nunmehr in Sichtweite gerückte Gipfel des Hochschwabs
behielt sein weißes Kleid bei. Mit diesem Gipfelschnee und seiner Form erschien
er mir fast wie einer der großen fernen Schneeberge des asiaischen Kontinents
... Natürlich ist das nur der Tagtraum eines Wanderers, der einige Stunden durch
den Schnee marschiert ist und sich nun auf großem Trecking im Himalaya wähnt
:-)
Nach einigen Stunden auf der Hochfläche zeigt der Sommer doch Wirkung,
nur der ferne Hochschwab ist noch weiß ... |
Ein Blick auf die Fleischer-Biwakschachtel. |
Nach einer Jause in der Fleischer-Biwakschachtel erklommen wir den Schlußhang
des Hochschwabs, der jedoch noch sehr verschneit war. Angesichts unserer zwei
müden und alpin minder erfahrenen Begleiter entschlossen Claudia und ich uns,
zunächst den Hochschwabgipfel zu umgehen und auf direktem Wege zum Schiestlhaus
zu wandern und den Gipfel morgen zu "packen".
Im Aufstieg zum Gipfel hat Claudia noch tiefen Schnee zu überwinden.
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Eismauer 2194 m und Kleiner Schwabe 2245 m
Durch die schmelzende Kraft der Sonne gelang es uns tatsächlich, die Hochschwabdurchquerung
angenehm zu Ende zu bringen. Um 16:00 Uhr gelangten wir an das Schiestlhaus,
das uns gastlich aufnahm und mit Würstl mit Saft verköstigte. Hernach war nur
noch Sitzen in der warmen Sonne angesagt, die mit jeder Minute kräftiger hervortrat.
Das war für mich das Signal, nach einer halben Stunde des Müßiggangs noch ein
bisserl die Gegend zu erforschen. Das erste Ziel, der Gipfel der Eismauer, lag
unmittelbar hinter der Hütte und ragt nur um etwa 50 m über diese empor. Eine
leichte Schrofenflanke führt in beliebiger Wegführung in 10 Minuten unschwer
zum Gipfel, der auf der der Hütte abgewandten Seite allerdings sehr steil 300
m in die Tiefe bricht und dort echte Kletterrouten aufweist.
Können diese 10 Minuten nun schon alles gewesen sein? Nein, noch lockt der
Doppelgipfel des Hochschwabs. Den großen will ich morgen mit Claudia besteigen,
aber der kleine, nie genannte und unbekannte, der soll mein heutiges Tagewerk
beschliessen. Über eine unschwierige Gras- und Schrofenflanke kann man ihm in
einer halben Stunde aufs Haupt steigen und sieht von hier aus sehr schön den
Gipfel des Hochschwabs, der steil nach Süden abstürzt und eine imposante Schneewächte
trägt. Weglos kann man vom Gipfel des kleinen Schwaben aus in die Scharte zwischen
den beiden Gipfeln absteigen und in leichter Kletterei (I) auf einen Verbindungsgrat
zum Hochschwab hinaufkrallen, der über eine Grasflanke zum Gipfel führen würde.
Aber das ist ja für morgen aufgehoben, daher geht es nun zur Hütte hinunten,
im Bewußtsein, weglos einen wichtigen Gipfel bestiegen zu haben :-)
Der Gipfel des Hochschwabs von der Scharte zwischen hohem und kleinem
Schwaben aus gesehen. |
Hochschwab 2277 m
Der heutige Tag ist unsere Königsetappe, die Besteigung des ernsten Hochschwabs
steht bevor. Die Gipfelgruppe besteht allerdings nur aus Claudia und mir, und
wir schaffen es, in einer halben Stunde von der Hütte aus beliebig über die
einfache, grasige, teilweise schrofige Flanke zum flachen Gipfel zu steigen.
Schwierigkeiten gibt es hier keine. Eine grandiose Fernsicht belohnt uns, die
gesamte Hochschwabregion präsentiert sich uns, und noch weiter schweift der
Blick zu fernen Bergen, die wir nicht kennen ...
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