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Ingo Klöckl
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Roggelskopf 2284 m (II-)

Blick auf den Roggelskopf von der Freiburger Hütte aus. Der Weg führt längs des Grates mit dem kleinen Gratturm in der steilen Grasflanke entlang und wechselt kurz vor dem Roggelskopf auf die Westseite.

Tourenstützpunkt: Freiburger Hütte 1918 m

Am heutigen Tage wollte ich mich eigentlich so verhalten, wie es von einem Besucher der Freiburger Hütte erwartet wird und die Rote Wand als geradezu obligatorisches Ziel in Angriff nehmen. Leider lud das Wetter überhaupt nicht zu so einem 7-stündigen Vorhaben ein, aber der freundliche Hüttenwirt empfahl mir den Roggelskopf als Halbtagestour. Dieser Berg steht als vorgeschobener Posten weithin sichtbar über dem Klostertal und fällt sowohl seiner Lage als auch seiner schneidigen Form wegen sofort und von allen Seiten, auch der Hüttenseite, aus auf. Sein Name leitet sich von "rocca" = Fels her, und wenn man den Gipfelaufbau genau anschaut, glaubt man sofort, daß sich dieser Berg nur mit leichter Kletterei (II-) besteigen läßt.

Doch zunächst muß man ihm sich nähern, und um 8:30 bin ich als erster in dieser Richtung unterwegs, da es mäßig heftig regnet. Nach 50 m auf dem Fernwanderweg 601 verläßt man den gut ausgebauten Weg und tritt auf den Pfad übers Gwurfjoch nach Braz über, der sich - gut ausgetreten - durch eine herrliche Karstlandschaft windet, über Krummholzwurzeln und Felsen, mit einigem Auf und Ab südlich der Geissköpfe vorbei. Leider beginnt hier schon, was im Kalkgebirge immer leicht Anlaß zu Verdruß geben mag: man verliert hier 50 m Höhe, dort 20 m, dann wieder 30 m ... und muß das alles auf dem Heimweg wieder hochlaufen. Naja, aber jetzt bin ich ja erst auf dem Hinweg und denke an den Rest später. Nach ca. 20 min im schönen blumenübersäten Gelände, noch vor dem Gwurfjoch, kommt eine Abzweigung nach links, mit "Roggelskopf" bezeichnet. Mein Stichwort! Vorbei an einer Wanne, die als Viechtrog und später auch als Menschentränke Verwendung finden wird, geht es nun in Richtung Nordgrat des Roggelskopfes, natürlich mit weiterem Auf und Ab, in summa bestimmt weitere 150 m Höhenverlust. Die Rechnung Roggelskopf 2284 m - Freiburger Hütte 1950 m = 334 m Höhendifferenz = leichter Tour will anscheinend nicht aufgehen.

Aber dafür ist der Steig in hervorragendem Zustand, der sich stets westseitig im sehr steilen Grasgelände unterhalb des Grates entlang windet. Hin und wieder gilt es, eine Felsrippe zu umsteigen, aber die eigentlichen Klettereien werden erst am Gipfelaufbau sichtbar, der allmählich vor meinem begeisterten Auge an Imposanz gewinnt. Endlich, nach ca. 40 min, erreicht der Steig die Grathöhe, und nun gilt es, sehr leicht einige der Grattürmchen zu überschreiten, den Gipfelaufbau nun immer fest im Blick, der immer steiler mit steilen und steilsten, auch überhängenden, Flanken dräuend emportdrängt. Da hinauf? Na, erst mal schauen ...

Nach einigem Auf und Ab entlang der Gratkante gelangt man unmittelbar vor dem Gipfelaufbau an eine Lücke im Grat, von der aus man eine sehr steile ostseitige Schotterhalde im Blick hat, in der der Anstieg von Osten, aus dem Tal her, heraufführt. Der Steig überquert diese Schutthalde in gleichbleibender Höhe, wobei nun die ersten Kletterstellen auftreten: Wasser hat anscheinend Teile des Steigs fortgeschwemmt, und man muß sich immer 2 oder 3 m weit in leichtem Gelände unter Zuhilfenahme der Hände über Felsrippen hinwegarbeiten (I, schätze ich). Dann ist man unter einem gewaltigen überhängenden Felsen, von dem es lustig hinunterregnet. Ein Wasserfall also. Zum Glück hat es aber nunmehr aufgehört zu regnen, sodaß die eigentliche Kletterei im Trockenen ohne Poncho erfolgen kann. Hier, in vielleicht 2100 m Höhe, beginnt also das Abenteuer im Fels.

Der Steig ist überall gut mit roten Punkten und Strichen markiert, nur in den zahlreichen feinen Schutthalden rutscht er gerne ab, und die Markierungen sind nicht so dicht oder schwer zu sehen. Hier also bitte genau die Landschaft einprägen! Zunächst windet sich der Steig in einem Linksbogen über Schutt, ober halb großer Abbrüche, nach oben und gelangt schließlich zum Eingang einer sich nach oben hin verschmälernden Rinne, die steil und sehr unangenehm mit Geröll gefüllt ist. Wenn man sich zu ihrem Ende vorgekämpft hat, erreicht man die Schlüsselstelle: ein ca. 3 m hohes Wändchen, das relativ kleingriffig ist und vor lauter Begehungen und Wasserrinnen glattpoliert ist (II-). Hier hängt ein Drahtseil mit Tarzanknoten darin herab, dem man sich anvertrauen mag (oder nicht), um sich hier hochzuarbeiten. Sofort danach befindet man sich auf einer geneigten, 5 m langen Platte mit lauter feinem Schuttgries (und Drahtseil) darauf, auf der man sich zu einer weiteren hakligen Stelle hocharbeitet: es gilt, eine Querung an einer der senkrechten Wandabbrüche des Gipfelaufbaus durchzuführen, auf einem schmalen Sims ohne rechte Griffe zum Balancieren. Deren Stelle vertritt ein letztes Drahtseil. Nach 5 m hat man auch diese Stelle geschafft und stellt fest, daß nun der Steig steig steil nach oben steigt, immer über feinem und groben Schutt, der auf geneigten Platten und Bändern aufliegt, und dazwischen wechselt man zu höherliegenden Bändern, indem man in schmalen Kaminen und über Blöcke und Miniwändchen direkt nach oben steigt. Alles so zwischen Gehgelände und I+, denke ich.

Erstaunlicherweise vermittelt dieser wilde Gipfelaufbau nirgends ein richtiges Gefühl von Tiefe, Schwindel oder ähnlichen Gefühlen, obwohl man sich ständig auf steilen Schuttbahnen über Abbrüchen bewegt. Vielleicht, weil der Blick ständig vom Gipfel nach oben gezogen wird, der immer über lotrechten Wänden über einem aufragt. Nach ca. 30 min ist man dann über die letzen Blöcke hinweggeklettert und freudig am Gipfel angekommen. Mein Glück mit dem Regen war so groß, daß ich billigerweise nicht auch noch Fernsicht erwarten konnte, und so habe ich mich mit dem begnügt, was gelegentlich aufriß und interessante Tiefblicke und Fernsichten andeutete. Aber das Gefühl, diesen herrlichen Gipfel geschafft und allein für mich zu haben, war dennoch überwältigend!

Abgesehen vom notorisch Einzelgängerischen des Bergsteigers hat das Alleinsein hier am Roggelskopf auch konkrete Vorteile: das ganze Gelände ist sehr steil und übereinandergeschichtet und bröselig, sodaß die Steinschlaggefahr ganz erheblich ist. Und dies natürlich besonders, wenn Vorangehende oder Nachfolgende ihren Teil an losgetretenen Steinen hinzufügen. Schon so lösen sich immer wieder gerne große und kleine Steine! Ein Helm ist nicht das verkehrterte Ausrüstungsteil!

Der Rückweg erfolgt auf demselben Steig in circa 1 1/4 Stunden, am Gipfelaufbau etwas langsamer und bedächtiger, später dann gebremst durch die zahlreichen Wiederanstiege. Aber dafür hat man die Hütte fast immer als Ziel im Blick!