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Ingo Klöckl
i.kloeckl@2k-software.de

Schwarze Wand 2524 m, I

Stützpunkt Freiburger Hütte 1930 m oder Göppinger Hütte 2245 m.

Begeht man den Höhenweg zwischen der Freiburger und der Göppinger Hütte, gelangt man in der Mitte der Strecke in ein weites grünes, felsübersätes Schrofenland, in dem der rundliche Grüne Bühel steht. Hier geriet ich zu meinem Erstaunen an eine Felsstelle, die mit "Nur Mut" beschriftet war. Hier? Ich hätte Schwierigkeiten im Fels eigentlicher eher im Johanneskar vermutet. Aber dann: nur Mut, der an sich nicht erforderlich ist, gilt es doch nur, den Felsabbruch des Grünen Bühels zu queren, an der schwersten Stelle hilft ein Drahtseil und drei Eisenstife dem Verzagten oder minder Kletterfesten. Hat man diese Stelle bewältigt, gelangt man wieder in ein flaches Wiesengelände, durch das ein Bach hindurchfließt, der mir nochmals Gelegenheit zum Wasserfassen bietet, bevor es für eine unbekannte Zeit in den Fels geht, in dem ich keinerlei Bäche erwarten konnte. Da ich nicht wußte, wie viel Zeit ich für mein Vorhaben, die weglose Besteigung der Schwarzen Wand und evt. des ganzen Grates, benötigen würde, tränkte ich mich hier also weidlich und füllte jede Flasche, die ich besaß. Später würde ich noch sehr froh darüber sein. Da ich die Freiburger Hütte ohne Frühstück bereits um 6:00 verlassen hatte, nahm ich hier nun mein Frühstück (Bergsteiger-Dauerwurst, Brot, Nüsse und Wasser) ein und war froh, den vor mir liegenden Anstieg in der Morgenkühle durchführen zu können.

Am Grünen Bühel zwischen Roter Wand und Hirschenspitze. Man erblickt im NO den gewaltigen Gratzug der Hirschenspitze, deren S-Schulter (rechts) der Höhenweg (etwa violette Linie) berührt. Davor gilt es, das felsübersäte Plateau zu durchqueren. Hier ist auch die schwierigste Stelle des Höhenwegs.

Blickt man aus dem weiten grünen Fels- und Wiesenboden Richtung NO, sieht man als erste sperrende Mauer den gewaltigen Grat der Hirschenspitze, die als kecker Felsspitz auf dem Grat thront und nach S eine breite Schulter (P.2360) entsendet, über die der Höhenweg führt. Hat man diesen Aufstieg zur Schulter bewältigt, sieht man vor sich staunend das gewaltige Johanneskar, das sich nach Süden öffnet und in dessen Kessel der Höhenweg hindurchführt. Der Karkessel wird hufeisenförmig von Steilwänden und imposanten Gipfeln gekrönt: Hirschenspitze, Schwarze Wand, die beiden Johannesköpfe. Man glaubt nicht so recht, daß der normale Höhenweg sich an diesen Abbrüchen entlangwindet.

Blick von der S-Schulter der Hirschenspitze vom Höhenweg ins Johanneskar. In der Mitte die Schwarze Wand mit dem Hauptgipfel und den langen Abbrüchen, rechts westlicher und östlicher Johanneskopf. Die violette Linie gibt etwa den Verlauf des Höhenwegs an, die orange Punkte den weglosen Anstieg zur Schwarzen Wand.

Mein Plan war nun, kurz hinter der Hirschenspitz-Schulter nicht dem Höhenweg nach rechts zu folgen, sondern geradeaus auf die Scharte zwischen Hirschenspitze und Schwarzer Wand zuzugehen, die Schwarze Wand zu besteigen und von dieser aus eventuell zum westlichen, dann zum östlichen Johanneskopf zu steigen und von dort aus schließlich wieder zum Höhenweg zurückzukehren. Als ich aber tatsächlich das Johanneskar mit seiner steil abstürzenden Umrahmung zu Gesicht bekam, wurde mir doch etwas bedenklich zumute, ob es ratsam sei, in diesem wilden Gelände allein abseits des Weges herumzuklettern. Ich beschloß daher, zunächst den harmlosen Teil auszuführen und erst einmal bis zur Scharte anzusteigen, und von dort aus das Gelände zu sondieren.

Ich verließ also den Höhenweg in gerader Richtung auf die Scharte zu, wobei ich wildes Karstgelände zu durchqueren hatte. Die Scharte zu erreichen, war nicht schwierig, aber sehr mühsam, da sich zuletzt steile Schotterhänge zu ihr hinziehen. Links ragt die wilde Hirschenspitze auf, an deren Besteigung nicht zu denken war, rechts ein etwas weniger wilder Grat, der zur Schwarzen Wand hinzieht. Und vor mir, auf der anderen Seite der Scharte, war das Diesnergeschröf zu erblicken, das sich laut Führer meist bis zum Grat erstrecken sollte und mir wohl einen gangbaren Weg geboten hätte. Die Realität sah aber so aus, das sich nur Felspassagen und ordentlich steile Schuttkegel zum Grat hinaufzogen, die nicht sehr einladend aussahen und eher den Eindruck machten, als ob sie den vom Steilschuttgehen erschöpften Wanderer letztendlich zum eigentlichen, festen Schrofengelände herunterrutschen lassen wollten. Der Fels ist hier in dieser Gegend ausnehmend stark zerborsten, überall liegen große Mengen an losem Schutt aller Größenordnung, und selbst das feste Gestein zerbricht beim Festhalten unvermutet in unzählige Blöcke.

Andererseits bot mir die Schwarze Wand von der Scharte aus keine lotrechte Wand dar wie zum Johanneskar hin, sondern eine steile Fels- und Schuttflanke, die gangbar ausschaute. Sollte ich die Mühsal des Steilschutts auf mich nehmen? Könnte der Grat gangbar sein? Was tun?

Das erste Stück des Grates von der Hirschenscharte zur Schwarzen Wand. Ich stehe in der Hirschenscharte und blicke auf den Gipfel der Schwarzen Wand (der breite Rücken mit dem kleinen Steinmann ganz obenauf).

Ich beschloß als erstes, zum Kletterer zu werden, und anstelle des abschüssig-rutschigen Schutts, der mich bei meinen ersten Gehversuchen sogleich in die Tiefe rutschen lassen wollte, den Grat zur Schwarzen Wand zu begehen. Dieser fällt nach rechts ins Johanneskar ungemein steil mit glatten Wänden ab, aber auf der linken Seite zum Diesnergrschöf hin bieten sich steil gestellte Gesteinsplatten als recht gut kletter- und oft auch gehbarer Weg an. Ich hielt mich daher immer zwischen der Schuttgrenze und der Grathöhe, wobei der Grat selber meisten der beste Weg ist, und gelangte so mit leichter Kletterei an den letzten Aufschwung zum Gipfel, der wiederum ziemlich steil ist und auch zur Johanneskarseite mit steilen Wänden abfällt. Ein Ausrutschen oder Abgleiten auf dem Geröll wäre hier fatal, sollte man am Ende der Geröllfläche ins Kar und nicht ins Geschröf rutschen ... Andererseits war hier kein bloßer Schutthang, sondern zahlreiche Felsrippen zu sehen, an denen man sich wohl feste (soweit in diesem zerbrochenen Fels etwas fest sein konnte) Stützpunkte suchen konnte. Ich stieg daher zu dieser Schuttfläche/-rinne und kletterte und rutschte etwas mühsam dem Gipfel zu.

Der Blick zurück vom Grat in Gipfelnähe zeigt die Hirschenspitze (linkes Bild, die Felsschneide rechts) sowie einige Zackengebilde, die man überschreitet (orange Linie). Links jeweils die Abbrüche ins Johanneskar, rechts die steilen Schuttfächer des Diesnergeschröfs.

Tiefblick vom Gipfel der Schwarzen Wand zur S-Schulter der Hirschenspitze, über die der Höhenweg (violett) verläuft. Direkt unter dem Gipfel führt eine steile Schuttfläche zum Aufstiegsgrat und dann diretissima in die Tiefe des Kars, Ausrutschen nicht empfohlen! Orange ist mein Anstiegsweg.

Der Gipfel selber ist ausgesprochen harmlos, eine rechteckige Fläche von gut 10 Quadratmeter, auf denen sich nach dem Tanz im steilen Geröll hervorragend ausruhen und schauen ließ. Der Blick ist natürlich phantastisch, auf Grund der etwas geringeren Höhe zwar nicht sehr in die Ferne reichend, aber einen ungewöhnlichen Blickwinkel auf die ganze Umrahmung des Diesnergschröfs zulassend. Und wer hat schon diesen Blick gehabt? Ist doch dieses ganze Gebiet hier nicht mit Steigen erschlossen und wird wohl nur von wenigen durchquert oder bestiegen. Mein Gipfel jedenfalls gehörte mitsamt dem umliegenden Quadratkilometer mir allein, und ich glaube, daß ich in dieser Woche, wenn nicht sogar in diesem Monat, der Einzige war, der sich hier aufhalten konnte. Zumindest deuteten nicht die geringsten Spuren auf andere Bergsteiger hin. So gab es auch kein Gipfelkreuz mit Buch, sondern nur einen Steinmann, der zeigte, daß ich hier auf einem rechten Individualistengipfel stehen durfte.

Der Blick vom Gipfel der Schwarzen Wand nach SW, W und NW. Im SW schaut man auf den Spullersee zwischen dem Schafberg links und dem Pfaffeneck/Böngertlekopf-Massiv in der Mitte. Weiter nach rechts schließt sich der Formaletsch (dunkle Silhouette), Ganahlskopf und Fensterlewand und die Hirschenspitze (ganz rechts im Vordergrund) an. Im W ist die dominante Rote Wand mit ihrem Gipfelgletscherchen zu sehen. Im NW erblickt man den Misthaufen (links hinter dem Gipfelsteinmann), die Gadnerköpfe, die Bettlerspitze und den Matonakopf.

Der geplante Weiterweg zum westlichen Johanneskopf sollte an der Grenze Geschröf-Grat verlaufen, aber wie gesagt, das feste Geschröf lag tief unter dem wilden Grat, was eine lange Strecke Plagerei im Steilgeröll verhieß. Und schließlich wirkte der Steilhang zum Johanneskopfgipfel hin sehr steil und lag anscheinend über hohen Abbrüchen, sodaß ich spontan beschloß, die Aktion "Johannesköpfe" wohl besser über den Südostgrat zu versuchen, anstatt hier, von der Schwarzen Wand schon etwas beinmüde, allein in diesem wilden Gelände herumzuklettern. Ich kehrte daher entlang des Grates auf dem gleichen Weg zur Scharte zurück, und von hier aus in direkter Richtung zum Höhenweg, der mich ohne Probleme unter den Johannesköpfen hinweg sicher zur Göppinger Hütte führte. Die Johannesköpfe waren dabei aber unter ständiger Beobachtung, und ich denke, ich werde wiederkommen und ihnen auf anderem Wege beizukommen suchen. Immerhin schien mir der Südostgrat auch recht ausgesetzt über steilen Abbrüchen zu liegen. Wohl kein reines Wander-Vergnügen. Ich bin sehr gespannt, welchen Bedingungen ich begegnen werde.

Der Blick vom Gipfel der Schwarzen Wand nach NO und O. Der dominante Gipfel ganz rechts ist der westliche Johanneskopf mit seiner doch recht wilden Flanke, die ich dann lieber (noch) nicht angegangen bin. Davor sieht man die Scharte mit den Diesnertürmen und ein Stück des breiten, unteren Gipfelplateaus der Schwarzen Wand, das hier recht breit ist und nach rechts senkrecht ins Johanneskar abstürzt. Im O dann das Johanneskar, das nach hinten von der Wand des östlichen Johanneskopf begrenzt wird, der hier als steiler Buckel sichtbar ist.