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Nachdem ein Farbmittel für den Lieblingsfarbton hergestellt oder aufgefunden
wurde, erhebt sich die Frage, was man denn damit tun solle? Ein einfaches Auflösen
in Wasser und Eintauchen des Färbegutes, zum Beispiel ein Stück Stoff,
in die hoffentlich entstandene Lösung bringt nur in wenigen Fällen
das erwartete Ergebnis ...
Dieser Abschnitt soll diese Frage klären helfen, indem er einen kurzen
Überblick über die verschiedenen Methoden liefert, mit denen Färbungen
hergesteltt werden, wobei die Natur des Farbstoffes als auch des zu färbenden
Materials berücksichtigt werden muß.
Zu der Gruppe der Entwicklungsfarbstoffe gehören die Farbstoffe, die
erst beim Färbevorgang aus im allgemeinen farblosen Vorgängern entstehen. Die
entstandenen Farbstoffe sind in Wasser unlöslich und gegenüber diesem Medium
als Pigmente anzusehen.
Je nach Art der Reaktion, die zum eigentlichen Farbstoff führt, lassen sich
die folgenden Varianten unterscheiden:
Der entstandene Farbstoff haftet auf der Faser durch Adsorption, nicht durch
eine kovalente Bindung. Die Faser wird mit einem Vorläufer des Farbstoffes oder
einem Reagenz, das zur Farbstoffbildung erforderlich ist, getränkt. Durch das
Eintauchen der vorbereiteten Faser in eine Lösung einer weiteren Komponente
oder eines Reagenzes oder das Einwirkenlassen eines Reagenzes auf die Faser
entsteht das Pigment, das in die Faser eingelagert ist.
Küpenfarbstoffe sind ein bereit seit alters her bekanntes Beispiel
für Farbstoffe, die erst auf der Faser in Form von Pigmenten entstehen. Sie
sind in Zwischenräumen des Färbeguts eingelagert und können dementsprechend
leicht ausgewaschen werden. Falls das Färbegut keine Zwischenräume aufweist,
die das Pigment aufnehmen können, ist eine Färbung nicht oder nur schwer möglich,
so können zum Beispiel glatte Nylon- oder Polyethenfasern mit dem typischen
Küpenfarbstoff Indigo nicht gefärbt werden. Papier kann mit Indigo nur
deshalb angefärbt werden, weil das feine Pigmentpulver in die Poren des Papiers
eingerieben werden kann.
Tatsächlich findet Indigo nur zum Färben von Jeans Anwendung, die dann das
typische Blau aufweisen und nach häufigem Waschen das Auswaschen des Pigments
deutlich sehen lassen.
Bei der Jeansfärberei wird der Indigo nicht in den Stoff eingerieben, sondern
durch Verküpen auf die Fasern aufgezogen. Dieser Vorgang sei hier stellvertretend
für alle anderen Küpenfarbstoffe exemplarisch geschildert. Entscheidend für
das Verküpen eines Farbstoffes ist ein Gleichgewicht wie das folgende:

Die blaue Form des Farbstoffes, Indigo, steht im Gleichgewicht mit einer farblosen
(schwach geblichen) Form, dem Leukoindigo. Die farblose Leukoform geht durch
Oxidation (Sauerstoffzufuhr) in die blaue Form über, dieser kann durch Reduktion
in Leukoindigo überführt werden.
In der Praxis wird der aus Pflanzen oder synthetisch gewonnene blaue Indigo
reduziert, indem er zum Beispiel durch Natriumdithionit Na2S2O4
reduziert wird. Früher hat man den Reduktionseffekt erreicht, indem der Indigo
einige Tage in einer gärenden Maische eingeweicht wurde.
In dieser blaßgelben Lösung von Leukoindigo wird der zu färbende Stoff eingetaucht
und sodann durch Oxidation die blaue Form des Indigos wieder gewonnen. Dabei
entsteht das Pigment in den Hohlräumen des Färbegutes und wird so physikalisch
mehr oder minder gut festgehalten. Die Oxidation wurde früher einfach durch
Liegenlassen des ausgebreiteten Färbegutes an der Luft erreicht: innerhalb einiger
halben Stunden nimmt der Stoff eine blaue Farbe an.
Aus dem Umkreis dieser alten handwerklichen Tätigkeit leitet sich auch das
Sprichwort "Blau machen" her: sozusagen mit den Händen in der Tasche konnten
die Färber zusehen, wie sich ihr Stoff blau färbt, sie hatten also "blau gemacht"
;-)
Auch die Beizenfarbstoffe werden erst auf der Faser entwickelt, indem
sie einen unlöslichen Farblack als Pigment bilden. Das Färbegut wird
in der Lösung eines Metallsalzes, zum Beispiel Aluminiumchlorid, eingetaucht
und von dieser durchdrungen. Das solchermaßen vorbehandelte Färbegut wird sodann
mit der Farbstofflösung versetzt, woraufhin sich der (unlösliche) Farblack auf
der Faser bildet.
Je nach der Natur des Färbegutes kann das Metallsalz mit sauren Gruppen des
Färbegutes reagieren und ebenso mit solchen des Farblackbildners. Dies ist am
Beispiel der Anthrachinon-Beizenfarbstoffe
sehr klar zu sehen, etwa dem Alizarin, das mit Aluminiumsalzen einen roten Farblack bildet:

Dieser Farblack ist das unlösliche, in den Fasern eingelagerte Pigment.
In diesem Falle ist der Farblack fest mit der Faser verknüpft. Es kann jedoch
auch sein, daß das Färbegut nicht mit der Beize (der Metallsalzlösung) reagiert
und nur der Farblack entsteht. Ähnlich wie beim Indigo, haftet dieser Farblack
ohne direkte chemische Bindung auf der Faser.
Die Zweikomponentenfarbstoffe stellen die eigentlichen Entwicklungsfarbstoffe
dar. Sie sind chemisch betrachtet Azofarbstoffe, wobei die Kupplungskomponente
auf der Faser aufgezogen ist. Das heißt, die Faser wird mit der Kupplungskomponente
getränkt und hernach in eine kalte Lösung des Diazoniumsalzes getaucht. Der
Azofarbstoff bildet sich daraufhin in der Faser.
Als Kupplungskomponente wird häufig Naphthol AS (2-Naphthol-3-carbonsäure)
eingesetzt. Ein Beispiel für einen Entwicklungsfarbstoff mit dieser Kupplungskomponente
ist das Variaminblau:

Ein vollkommen anderes Färbeprinzip verfolgen die Direktfarbstoffe,
die chemisch mit der Faser des Färbegutes verbunden sind und sich ohne Hilfe
weiterer Chemikalien an die Faser anlagern. Sie sind wasserlöslich und weisen
funktionelle Gruppen auf, die eine kovalente Bindung mit funktionellen Gruppen
des Färbegutes ausbilden können. Besonders gut für Direktfarbstoffe geeignet
sind daher Fasern aus Wolle und Seide, da diese aus Proteinen bestehen. Proteine
weisen zahlreiche saure und basische funktionelle Gruppen auf, die mit einem
Farbstoff reagieren können.
Man kann drei Gruppen von Direktfarbstoffen unterscheiden:
- Kationische Direktfarbstoffe stellen kationische organische Farbstoffe
dar, die mit Halogenid-, Acetat-, Oxalat- oder Sulfatanionen Salze bilden.
Sie können Seide, Wolle, Leder, Papier, anionische Polyester- und Polyacrylfasern
färben. Da ihre Lichechtheit meist gering ist, werden sie häufig für Tinten
und Stempelfarben verwendet.
- Anionische Direktfarbstoffe stellen anionische Farbstoffe dar, die
meist ein Grundgerüst auf Azo- oder Anthrachinonbasis enthalten. Sie färben
Polyamide, Wolle, Seide, basisch modifizierte Polyacrylnitrile, Papier sowie
Leder.
- Substantive Direktfarbstoffe sind Farbstoffe, die Zellulose direkt
anzufärben vermögen. Sie gehören zur Stoffklasse der Azo- und Anthrachinonfarbstoffe
mit hydrophilen Gruppen und haften auf der Faser des Färbegutes durch Dipol-Dipol-
oder Van der Waals-Wechselwirkung.
Ein Beispiel für einen kationischen Direktfarbstoff, der mit sauren Gruppen
des Färbegutes reagieren kann, ist das Mauvein:

Ein Beispiel für einen anionischen Direktfarbstoff, der mit basischen Gruppen
im Färbegut reagiert, ist das Benzopurpurin 4B:

Das Kongorot ist ein Vertreter der Substantivfarbstoffe:

Reaktivfarbstoffe sind Farbstoffe, die eine kovalente Bindung mit den
Bestandteilen der Faser des Färbegutes ausbilden. Sie sind somit fest am Färbegut
fixiert, entsprechend weisen sie eine sehr hohe Haftung und Waschechtheit auf.
Die Reaktivfarbstoffe weisen einen relativ komplizierten Aufbau auf, da sie
neben einem farbgebenden Anteil eine Möglichkeit bieten müssen, mit der Faser
zu reagieren sowie zur bequemen Handhabung Lösungen bilden müssen. Ein allgemeines
Schema für ihren Aufbau kann folgendes sein:
Lösliche Gruppen - Farbstoff - reaktiver Anker
Für die löslichen Gruppen verwendet man häufig Sulfonsäurereste -SO3H.
Diese Gruppe ist wichtig, um den Farbstoff in Form einer Färbelösung einsetzen
zu können.
Als farbgebende Gruppe werden meistens Azofarbstoffe, Anthrachinon- oder Phthalocyaninfarbstoffe
verwendet. Ein Beispiel für einen sauren Azofarbstoff, der mit basischen Gruppen
des Färbeguts reagiert, ist das Benzopurpurein 4B:

Für die Verankerung auf der Faser des Farbstoffes auf der Faser werden chlorierte
Triazine oder Vinylsulfonsäuren eingesetzt.Der Triazinanker reagiert unter Abspaltung
von HCl mit Hydroxylgruppen des Färbegutes und Ausbildung einer Etherbindung,
die Vinylsulfonsäuren addieren sich unter Bildung einer C-C-Bindung an das Färbegut:


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