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Ingo Klöckl
i.kloeckl@2k-software.de

Leinöl und andere trocknende Öle

Nicht jedes Öl kann für die Ölmalerei verwendet werden. Es muß sich um ein trocknendes fettes Öl handeln, das aufgrund seines ungesättigten Charakter bei Sauerstoffzufuhr unter Vernetzung der Ölmoleküle trocknet und eine zähe Masse bildet.

Die folgende Tabelle zeigt eine typische Zusammensetzung von Leinöl. Man erkennt leicht den hohen Gehalt an ungesättigten Fettsäuren.

Substanz Anteil Struktur
alpha-Linolensäure (C18:3) 55 %
Ölsäure (C18:1) 15 %
Linolsäure (C18:2) 13 %
Palmitinsäure (C16:0) 6 %
Stearinsäure (C18:0) 4 %

Der Trocknungsvorgang

Beim Trocknen eines trocknenden, ungesättigten fetten Öles handelt es sich um eine radikalische Polymerisation, die aus dem Startschritt der Radikalbildung, der Kettenreaktion und einem Polymerisationsschritt besteht. Die beiden ersten Schritte sind licht- und wärmeinduziert, woraus sich die Bedeutung des Lichtes beim Trocknen eines Gemäldes (und die der Dunkelheit beim Lagern des Leinöls) erklärt.

Der Startschritt

Der Startschritt: licht- oder wärmeinduzierte Bildung eines Radikals aus der Fettsäure. Das entstehende Fettsäureradikal ist besonders mesomerie-stabilisiert, wenn es eine Doppelbindung oder gar ein 1,4-ungesättigtes Diensystem aufweist, wie es bei den Fettsäuren aus trocknenden Ölen der Fall ist.

Das entstandene Radikal reagiert mit Sauerstoff zu einem Peroxoradikal, das durch den Angriff auf ein zweites mol einer ungesättigten Fettsäure unter Bildung eines Hydroperoxids abgesättigt wird. Dabei entsteht bereits ein weiteres Fettsäureradikal, das in gleicher Weise weiterreagieren kann.

Die Kettenreaktion

Die im Startschritt entstandenen Hydroperoxide sind instabil und zerfallen leicht unter Bildung von verschiedenen Radikalspezies, die mit Fettsäuremolekülen unter Bildung von C-Radikalen reagieren können.

Der Rekombinationsschritt

Die entstandenen C- und O-Radikale können miteinander unter Bildung von C-C- und C-O-C-Bindungen zum verharzten Endpolymer, dem Linoxym, reagieren. Die im einzelnen ablaufenden Vorgänge sind jedoch nicht gut bekannt.

Siccative

Siccative unterstützen und beschleunigen den Trocknungsvorgang, indem sie bei der Radikalbildung, die die Kettenreaktion darstellt, katalytisch wirksam werden. Dementsprechend handelt es sich bei Siccativen um Verbindungen mit einem Metall, das leicht zwischen zwei um Eins auseinanderliegenden Oxidationsstufen wechseln kann. Beispiele wären Cobalt (II/III) oder Fe (II/III) oder Mn (II/III). Einige Pigmente, die in der Ölmalerei eingesetzt werden, bestehen aus Verbindungen dieser Elemente, sodaß sie neben ihrer Farbwirkung gleichzeitig auch trocknungsbeschleunigend wirken. Dies erklärt das rasche Trocknen von Farben wie Kobaltblau.

Darstellung der katalytischen Wirkung von Metallen: die Reduktion von Co3+ zu Co2+ überführt das Hydroperoxid in ein neues Peroxoradikal, die Rückoxidation überführt ein weiteres Molekül Hydroperoxid in ein weiteres Peroxoradikal.
Gesamtreaktion bei der metallkatalysierten Trocknung: Bildung von zwei Peroxoradikalen.