Ladungsübertragung oder Charge Transfer
Das Phänomen der Ladungsübertragung tritt bei Systemen aus einem elektronenreichen und
einem elektronenarmen Partner auf, in denen dieser als Elektronenakzeptor A, jener als
Elektronendonor D fungieren kann. Es wird also Ladung vom Donor auf den Akzeptor übertragen;
typischerweise werden hierbei nicht "ganze Elektronen" übertragen, sondern nur die Ladungsdichte
am Donor vermindert, am Akzeptor erhöht:
D: + A -> Dδ+->Aδ-
Beide Zustände (Elektronen am Donor konzentriert resp. Elektronen vom Donor zum Akzeptor
verschoben) liegen auf einem bestimmten Energieniveau;
in vielen Fällen liegen diese so dicht beieinander, daß die Ladungsverschiebung
durch Absorption von Licht im sichtbaren Bereich initiiert werden kann.
Diese Übergänge sind nicht durch Auswahlregeln eingeschränkt, können daher in vollem Umfange
stattfinden und führen zu sehr intensiven Farberscheinungen.
Da die Rückreaktion ebenso leicht vonstatten geht (Energieverlust z.B. durch
phononische Schwingungen oder thermische Abstrahlung), entsteht
ein dynamisches Gleichgewicht beider Zustände.
Die hier geschilderten Verhältnisse trifft man sehr häufig bei anorganischen Komplexen
an, aber auch bei organischen Verbindungen. Für die (anorganische) Pigmentchemie von Bedeutung
sind die Fälle, in denen der Akzeptor ein Metallion, der Donor ein Metall oder ein Ligand ist:
- Ligand-Metall-Übergänge (LMCT): ein Elektron wird unter Lichtabsorption vom Ligand auf das
zentrale Metallion verschoben.
- Metall-Metall-Übergänge (MMCT): ein Elektron wird von einem Metallzentrum auf ein anderes
Metallzentrum verschoben.
Ligand-Metall-Übergänge (LMCT)
Die Bindung in Komplexen zeichnet sich dadurch aus, daß der Ligand ganze
Elektronenpaare zur Bindung zwischen Ligand und Kern beisteuert. Durch Absorption von Licht kann
ein Zustand besetzt werden, in dem die Ladungsdichte am Kern auf Kosten des Liganden noch mehr
erhöht ist. Bekannte Beispiele für LMCT sind die
komplexen Chromat- und Permanganat-Ionen [CrO4]2- und
[MnO4]-. In diesen beiden Beispielen führt die sehr
hohe Ladung des Zentralatoms (Mn(VII) und Cr(VI)) einerseits und die hohe Elektronegativität
des Oxid-Sauerstoffs andererseits zu mehreren nahe beieinanderliegenden Energieniveaus
am Kern. Der Energiebetrag, der erforderlich ist, um die Elektronendichte am Metall zu erhöhen,
kann genau durch Absorption von Licht im optischen Bereich aufgebracht werden.
Metall-Metall-Übergänge (MMCT)
In diesem Falle werden Elektronen durch Lichtabsorption von einem Metall auf ein anderes
transferiert.
Befinden sich zwei Kationen eines Elements in unterschiedlichen Oxidationsstufen in fester
räumlicher Nähe, sodaß eine Wechselwirkung möglich ist, so können Elektronen vom niedriger
zum höher oxidierten Atom wechseln: das Paar Fe2+/Fe3+ wird so zum Paar
Fe3+/Fe2+. Ein Beispiel ist das Preussischblau (Eisen-hexazyanoferrat),
in dem die beiden beteiligten Eisenkationen nicht direkt miteinander wechselwirken, sondern
über die dazwischenliegenden Cyano-Liganden.
Entspricht der absorbierte Energiebetrag beim Elektronenübergang dem von
sichtbarem Licht, erscheint die Verbindung farbig. Häufig liegen die Energiebeträge
in diesem Bereich, wenn Kationen des gleichen Elements beteiligt sind, wie im Beispiel
Fe2+/Fe3+. Verbindungen, die das gleiche Element in unterschiedlichen
Oxidationsstufen enthalten, sind daher häufig farbig.
Die genannten Elektronenübergänge können auch von
anderen Elementkombinationen erbracht werden, so erfolgt z.B. im Saphir der Übergang
Fe2+/Ti4+ nach Fe3+/Ti3+.
Organische Donor-Akzeptor-Komplexe
Elektronen können auch von organischen Molekülen auf andere organische Moleküle verschoben
werden. Ein bekanntes Beispiel
ist das Chinhydron, das eine 1:1-Verbindung aus Chinon und Hydrochinon ist. Durch den
Übergang von Elektronen vom Hydrochinon zum Chinon, wobei Chinon und Hydrochinon entsteht,
ist das Chinhydron tiefgrün gefärbt.
Ein anderes Beispiel ist das Azulen, ein System aus
einem kondensierten aromatischen Fünf- und einem aromatischen Siebenring. Hier erfolgt die
Ladungsverschiebung zwischen den beiden aromatischen Ringen. Als Folge ist die Verbindung
intensiv blau gefärbt. Azulene wurden bereits im Mittelalter bei der Wasserdampfdestillation
von Kamillen entdeckt und führen zur starken Blaufärbung des gewonnenen Öls.
Auch eine Alkenbindung kann ein Donor sein.
Hier
wird ein Versuch beschrieben, in dem die Verbindung Lycopin (ein Carotinoid, das Tomaten
rot färbt) einer nukleophilen Bromierung mit Brom unterworfen wird.
Abgesehen von der vorhersehbaren Entfärbung (weil das ausgedehnte konjugierte Doppelbindungssystem
zerstört wird), entstehen auch blaue Farbtöne, da das intermediäre Bromoniumion als Akzeptor,
eine Alkendoppelbindung als Donor eines CT-Komplexes fungiert. Die Absorption sichtbaren
Lichts führt zu einer Ladungsverschiebung.
|