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Advent und Weihnachten

Von der Singstimme zum fertigen Lied

Wie bereits angedeutet, lagen mir alle Stücke nur für eine Singstimme vor, evt. ergänzt um ein oder zwei weitere Stimmen, die die Töne der jeweiligen Harmonie aufgreifen. Meine Aufgabe war es nun, aus den mehr oder minder zahlreichen Hinweisen in der Melodie oder den weiteren Stimmen die harmonische Funktion der Töne herauszufinden, um auf dieser Basis zunächst die Harmonieakkorde zu finden und, sobald dies gelungen ist, aus dem strengen harmonischen Akkord-Satz einen vierstimmigen oder besser noch einen sowohl melodischen als auch spielbaren Satz zu gewinnen. Immerhin wollte ich ja auch selber zu meinem Klavierspiel singen, sodaß der Klavierpart nicht allzu schwer werden durfte :-) Lag nun der Klaviersatz vor, hatte ich das Lied bereits so oft gehört, daß mir nun die Melodei hinreichend bekannt war zum Singen, und meisten gelang es dann auch rasch, eine kleine Variation des Lied als Ein- und Ausgang zu erfinden, wozu meist kleine Kadenzen und Akkordbrechungen dienten.

Zu Beginn versehe ich jeden Ton mit einer Stufennummer von I bis VII, wobei I den Grundton darstellt. Dann kann ich anhand der folgenden Tabelle für jeden Melodieton feststellen, zu welcher Harmonie er gehört. Dies ist der eigentlich knifflige Teil, da die meisten Töne zu verschiedenen Harmonien gehören können und man darauf achten muß, die "richtige" zu finden. Als Faustregel läßt sich vielleicht sagen,

  • daß in den hier vorliegenden volkstümlichen Liedern meist einfache Harmonien vorherrschen, also lieber T, S und D in Betracht ziehen, bevor man zum Dominantseptnonenakkord greifen muß :-)
  • Im allgemeinen herrscht innerhalb eines Taktes auch die gleiche Harmonie vor, zu häufige Wechsel auf jeder Note sind eher zu vermeiden. Es ist oft besser, einzelne Melodietöne als Durchgang oder Wechselnote aufzufassen und die Harmonie, die zu Beginn des Taktes häufig klar erkennbar ist, beizubehalten.
  • Im Zweifel ist es sehr brauchbar, die mögliche Harmonie als Akkord unter die Melodie zu legen und das Produkt auf dem Instrument (Klavier ist da gut) zu spielen, dann hört man eine falsche Harmoniezuordnung einfach sofort!
Stufe Mögliche Funktionen
I T, Quint der S
II Quint der D
III Terz der T
IV S, Sept der D7
V D, Quinte der T
VI Terz der S
VII Terz der D
Trickreich ist es, wenn das Lied eine Modulation enthält - diesen Fall erkennt man diese oft am melodischen Verlauf und dem plötzlichen Auftreten von Vorzeichen innerhalb einzelner Takte. Beim Harmonisieren ist eine Modulation gut erkennbar, wenn man partout keine sinnvolle Zuordnung einzelner Töne findet und etwa schon eine Tonikaparallelle oder den Dominantseptnonakkord in Betracht ziehen will! Modulationen finden oftmals nur in benachbarte Tonarten statt, das Volkslied kennt hauptsächlich einfache Quintverwandtschaften.

Jetzt kommt das Schwierigste - die gefundenen Harmonien in einen gefälligen Satz zu verwandeln. Eine Möglichkeit, mit der man praktisch immer begleiten kann, ist, einfach die Töne des gefundenen Harmonieakkordes unterhalb der Melodie (der Sopranstimme) in enger Lage "einzufüllen" und die Grundtöne der Harmonie in den Baß zu legen. Dieser enge Satz kann auf dem Klavier gut gegriffen werden (besser als der vierstimmige weite Satz - man möchte ja neben dem Spielen auch selber mitsingen und zumindest ich kann mich nur bedingt auf Lied UND komplizierten Klavierpart konzentrieren). Diesen Grundton läßt man dann für die Dauer des Taktes oder der Harmonie liegen und greift nur die Akkorde der Oberstimmen für jeden Melodieton (oder fast jeden - hier kommt das musische Gspür zum Tragen!).

Wer mehr will, kann nun wie ich versuchen, einen vierstimmigen Satz herzustellen, und diesen dann so zu vereinfachen, daß er für Pianisten akzeptabel ist. Oder er findet eine Figurationsmöglichkeit für die Harmonietöne, die aber immer dem Lied und dessen Charakter angemessen sein sollte. Hier liegt die Herausforderung fürs Gspür - ein geistlicher Choral ist sicher nicht so gut mit einem Tsch-ba-ba des Ländlers zu begleiten, es sei denn, es handelt sich um einen geistlichen Schreittanz im 3/4-Takt :-)

Für Ein- und Ausgang habe ich immer Teile der Liedmelodei verwendet, sodaß ich einerseits nicht in Gefahr gerate, das Lied zuzudecken oder einen Bruch zu erzeugen, und der Zuhörer und vor allem die Sänger werden auf das kommende Singen eingestimmt, hören die Melodie und eventuell sogar ihre Starttöne.

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